„Musiktheater von Jake Heggie“ lautet der Untertitel der nächsten Premiere des Theaters Koblenz „Into The Fire“, in deren Rahmen drei Werke des zeitgenössischen amerikanischen Komponisten Jake Heggie (*1961) an einem Abend miteinander kombiniert werden. Dieser Untertitel ist bereits ein erster Hinweis darauf, dass es sich bei dieser Produktion um etwas ganz Außergewöhnliches handelt – und das nicht nur, weil zwei der gezeigten Werke weltweit noch nie szenisch gegeben wurden und zwei in Koblenz sogar ihre europäische Erstaufführung erleben. Auch die Probenorte, die von zwei Probebühnen über das Görreshaus bis zum Chorsaal, dem Ballettsaal und natürlich zum Theaterzelt auf dem Festungsplateau reichen, sind bei „Into The Fire“ wesentlich umfangreicher als bei anderen Produktionen des Hauses.
Dies hat damit zu tun, dass bei diesem Musiktheaterabend die unterschiedlichsten Sparten miteinander zusammenarbeiten. Hierin liegt laut Intendant Markus Dietze auch das Besondere dieser Produktion, die er im Gespräch als „Zusammentreffen extremster Kunstformen“ und „Kulmination spartenübergreifenden Arbeitens“ bezeichnet. Tatsächlich werden bei den drei Werken von „Into The Fire“ nicht nur Gesang und Orchester miteinander kombiniert, auch Tanz, Schauspiel, Videokunst und sogar bildende Kunst sind beteiligt und machen „Into The Fire“ zu einem enorm abwechslungsreichen und spannenden Abend zeitgenössischen Musiktheaters.
Doch wie kam es eigentlich zur Idee, drei separat verfasste Werke Jake Heggies zu einem Musiktheaterabend zusammenzufassen?
Markus Dietze, der auch als Regisseur der Produktion fungiert, gibt die Antwort: „Wie so oft im Theater ist diese Idee eine Kombination aus totalem Pragmatismus und absolutem Kunstwillen.“ Dietze spielt hier auf das Theaterzelt an, in dem während der Renovierung des historischen Theatergebäudes am Deinhardplatz die Produktionen dieser Spielzeit stattfinden. Bei der Stückauswahl für die Renovierungssaison musste diese besondere Spielstätte natürlich berücksichtigt werden. „Wir brauchten übersichtliche Werke“, erklärt Dietze. „Aber auch ein Werk, das eine gute Einsatzmöglichkeit für den Chor bietet. Und da ich seit ‚Dead Man Walking‘ ein großer Jake-Heggie-Fan bin, habe ich geschaut, was er noch so komponiert hat.“ Dabei stellte Dietze fest, dass der amerikanische Komponist, der durch seine Bühnenwerke große internationale Bekanntheit erlangt hat, auch ein umfangreiches kammermusikalisches Œuvre geschaffen hat.
Zwei seiner Kammermusikwerke, die beiden Liederzyklen „Camille Claudel: Into the Fire“ und „The Deepest Desire: Four Meditations on Love“, werden im Rahmen der Koblenzer Produktion dargeboten und mit Heggies Choroper „The Radio Hour“ kombiniert. Jedes der drei Stücke beschäftigt sich in einer anderen zeitlichen Verortung und am Beispiel ganz unterschiedlicher Charaktere und Schicksale mit der Rolle der Frau. Die Frage, wie Kunst, Musik oder Spiritualität uns retten kann, bildet dabei laut Dietze den Kern des spartenübergreifenden dreiteiligen Abends.
Camille Claudel: Eine bewegende Künstlerinnenbiografie
Der sparten- und kunstgattungsübergreifende Charakter von „Into The Fire“ wird bereits im ersten Teil der Produktion deutlich: Im Zusammenspiel der Mezzosopranistin Danielle Rohr, des Tänzers Andreas Heise und der Bildhauerin Franziska Feser werden bei „Camille Claudel: Into the Fire“ Ausschnitte aus dem Leben der französischen Bildhauerin Camille Claudel (1864–1943) auf die Bühne gebracht, die nach einem erfolgreichen Karrierestart von ihrer Familie zwangsweise in eine Psychiatrie eingewiesen wurde und dort die letzten dreißig Jahre ihres Lebens verbringen musste, ohne weiter künstlerisch tätig sein zu können.
Heggie nähert sich dieser ebenso tragischen wie faszinierenden Künstlerinnenpersönlichkeit in seinem Liederzyklus „Into the Fire“ mit Texten von Gene Scheer in einem Prolog und sieben Nummern an, die auf Werke Claudels anspielen – etwa die vom gleichnamigen indischen Schauspiel inspirierte Skulptur „Shakuntala“ oder die ein engumschlungenes Paar beim Tanz zeigende Bronze „La Valse“, die ihr visuelles Pendant in Dietzes Inszenierung im Zusammenspiel von Rohr und Heise findet. Gesang und Tanz werden nämlich nicht getrennt voneinander auf die Bühne gebracht, sondern interagieren umfangreich – beispielsweise, wenn Heise die Claudel darstellende Rohr in die virtuosen Hebefiguren der Choreografie integriert oder wenn Rohr den auf einem Sockel posierenden Heise als lebendige Skulptur modelliert.
Gesang, Tanz, Video und Bildhauerei treffen aufeinander
Mezzosopranistin Danielle Rohr betont, dass sie äußerst dankbar ist, in dieser Produktion als Sängerin so umfangreich in die Choreografie eingebunden zu sein, und erklärt: „Es ist großartig, dass bei ‚Into the Fire‘ so viele unterschiedliche Sparten auf der Bühne vertreten sind und dass man mit all diesen verschiedenen Leuten zusammenarbeiten kann.“ Das von Rohr angesprochene Arbeiten mit Personen außerhalb des Opern-/Gesangsbereichs bezieht sich dabei nicht nur auf den Tanz, sondern auch auf die Live-Bildhauerin Franziska Feser. Diese bildet das dritte zentrale Element von Dietzes Inszenierung des ersten Teils und hat mit Rohr am Ende des Liederzyklus sogar eine eindringliche schauspielerische Interaktion.
Feser, eine lokale Künstlerin, ist bereits am Beginn von „Into the Fire“ für das Publikum zu sehen. Sie arbeitet in einem kleinen Atelier im hinteren Bereich der Bühne an einem Tonkopf, mit dem sie nicht nur das Schaffen Camille Claudels, sondern auch Heggies Musik künstlerisch reflektiert. „Ich habe große künstlerische Freiheit, das zu interpretieren, was ich hier wahrnehme“, betont Feser. Dietze hatte ihr bewusst keine Vorgaben gemacht, sodass sich die Künstlerin von Tanz, Gesang, Orchestermusik und natürlich der Biografie Claudels vollkommen frei inspirieren lassen konnte. „Für mich ist das eine ganz aktuelle Geschichte“, berichtet Feser. „‚Into the Fire‘ erzählt eine unglaublich interessante Künstlerinnenbiografie. Das besonders Tragische an Claudels Schicksal ist dabei ihr verhindertes Œuvre als Bildhauerin“ – ein Aspekt, den Feser auch in ihre eigene Kunst im Rahmen von „Into the Fire“ einfließen lässt.
Damit man Fesers Schaffensprozess im Zuschauerraum bis ins kleinste Detail gut wahrnehmen und nachverfolgen kann, wird bei „Into the Fire“ zusätzlich mit Live-Kameras gearbeitet – ein weiteres Beispiel für die umfangreiche spartenübergreifende Kollaboration bei dieser Produktion. Für die Videoabteilung ist die Zusammenarbeit mit verschiedenen Gewerken im Theater Koblenz längst Usus, wie Britta Bischof, die bei „Into The Fire“ für den Live-Videoschnitt verantwortlich ist, berichtet: „Wir haben in der Oper und im Schauspiel schon oft Live-Kameras eingesetzt. Bei dieser Produktion geht es nun darum, dass wir dem Publikum eine neue Perspektive eröffnen und Dinge sichtbar machen, die man sonst nicht sieht.“
Spartenübergreifendes Arbeiten als Bereicherung statt Herausforderung
Dass so viele unterschiedliche Sparten – von Gesang über Tanz bis Video und Bildhauerei – bei der Produktion von „Into The Fire“ zusammenkommen, macht für Markus Dietze beim Inszenieren keinen Unterschied. „Aber es gibt mir viel“, betont er. „Natürlich gibt es bestimmte Elemente, die für jede einzelne Kunstform individuell sind, doch im Prinzip machen wir alle das Gleiche: Ich habe ein Konzept oder eine Idee, beschreibe, was ich möchte, und die Künstler:innen setzen es mit ihren spezifischen Mitteln um. Ich empfinde dieses spartenübergreifende Arbeiten als Bereicherung und nicht als Belastung, weil wir alle voneinander lernen.“ Ein Arbeiten – aber auch ein Denken – jenseits von Sparten ist im Koblenzer Theater ohnehin nichts Neues, wie ein Blick auf frühere Produktionen verdeutlicht. Dies liegt zum einen darin begründet, dass unter Dietzes Intendanz die Abgrenzung und Trennung der Sparten bewusst fließend gehalten wird, aber auch daran, „weil alle Abteilungen das wollen“, wie Dietze erklärt.
Andreas Heise, Tänzer und Choreograf, unterstreicht ebenfalls, dass das spartenübergreifende Arbeiten „keine Herausforderung, sondern eine schöne Bereicherung“ ist. „Der Schlüssel zu allem ist Offenheit“, so Heise. „Wenn die da ist, geht alles. Man trifft sich in der Kommunikation.“ Neu war für ihn die Arbeit mit Markus Dietze als Regisseur von „Camille Claudel: Into the Fire“, in dem Heise als Tänzer selbst auf der Bühne steht. „Ich folge Dietzes Visionen und antworte auf seine Ideen körperlich. Man bietet etwas an und es formt sich allmählich.“
Eine Alltagsszene zwischen zeitgenössischer Oper und Musical
Bei „Into The Fire“ ist das spartenübergreifende Arbeiten jedoch keinesfalls auf den ersten Teil des Abends beschränkt. Auch in „The Deepest Desire“, bei dem das Ballettensemble (unter der Choreografie von Andreas Heise) und Mezzosopranistin Danielle Rohr zusammenarbeiten, sowie in der Choroper „The Radio Hour“ ist die Koblenzer Inszenierung durch das Zusammenspiel unterschiedlichster Sparten geprägt. Im Gegensatz zum historischen Setting des Camille-Claudel-Liederzyklus beschreiben Heggie und sein Librettist Gene Scheer in „The Radio Hour“ eine Alltagsszene der Gegenwart: Eine Frau, Nora, kommt nach einem stressigen Tag in ihre Wohnung und versucht Trost und Ablenkung im Radio zu finden. Während Nora von einer stummen Schauspielerin verkörpert wird, fungiert der Chor einerseits als ihre innere Stimme und gibt gleichzeitig die aus dem Radio tönenden Klänge wieder. Dabei müssen die Mitglieder des Opernchores nicht nur verschiedene Formen von Bodypercussion, wie rhythmisches Schnipsen und Klatschen zum Einsatz bringen, sondern auch als Spielpartner für Nora agieren.
„Die Zusammenarbeit mit dem Opernchor war wahnsinnig spannend, weil der Chor so perfekt vorbereitet war“, berichtet Schauspielerin Jana Gwosdek, die in „The Radio Hour“ die Protagonistin Nora darstellt. „Ich habe noch nie stumm gearbeitet. Es war sehr herausfordernd, ohne Text zu arbeiten, und ich fühlte mich ziemlich unvorbereitet. Vor der ersten Probe war ich sehr aufgeregt. Aber es ist toll, nach so vielen Jahren im Beruf noch einmal etwas Neues probieren zu können. Und es macht großes Vergnügen, dem Chor zuzusehen.“
Der Opernchor des Koblenzer Theaters ist spartenübergreifendes Arbeiten aus den vorangegangenen Produktionen des Hauses bereits gewohnt. Das Besondere bei „The Radio Hour“ liegt für die Sänger:innen entsprechend nicht so sehr im Zusammenspiel mit einem Mitglied des Schauspielensembles, sondern darin, „dass der Chor fast 40 Minuten allein singt“, erklärt Chorvorstand Tobias Rathgeber. „Das Stück ist zudem eine wunderbare Abwechslung zum Repertoire, das wir normalerweise machen.“ Auch Chorsängerin Bomi Lee unterstreicht: „Die Musik ist ganz anders – zwischen Musical und Oper, manchmal Pop, manchmal moderne Musik, aber immer ganz schöne Melodien.“
Wie schon beim Camille-Claudel-Liederzyklus merkt man auch bei den Proben zu „The Radio Hour“ direkt, mit wie viel Begeisterung die Beteiligten an den Werken arbeiten und wie gut die spartenübergreifende Kollaboration am Theater Koblenz funktioniert. Das Endergebnis kann dann in zwei Wochen bei der Premiere von „Into The Fire“, einem musikalisch, inhaltlich und inszenatorisch ebenso abwechslungsreichen wie faszinierenden Musiktheaterabend, am 15. März 2025 im Theaterzelt bewundert werden.
Text: Patrick Mertens
Probenfotos: Arek Głębocki