Der Sandmann, Nussknacker und Mausekönig, Kater Murr oder Kapellmeister Kreisler – die fantastischen Figuren, die E. T. A. Hoffmann (1776–1822) in seinem literarischen Œuvre geschaffen hat, sind weltbekannt. Doch haben Sie schon einmal von Meister Floh gehört? Dieser nimmt eine prominente Rolle in Hoffmanns letzter Erzählung ein, die Regisseur Woody Mues anlässlich des 250. Geburtstags des Dichters für das Staatstheater Mainz zu einem märchenhaft-skurrilen Schauspiel adaptiert hat. Das Gastspiel von „Meister Floh“ am Freitagabend im Theaterzelt bildete den fulminanten Abschluss der vierten Theatertage Rheinland-Pfalz – und bot dem Publikum reichlich Stoff zum Nachdenken.
Wenn Realität und Fantasie verschwimmen
Im Zentrum der Handlung steht der Frankfurter Kaufmannssohn Peregrinus Tyß, der nach einer dreijährigen Wanderschaft nach Hause zurückkehrt und erfahren muss, dass seine Eltern gestorben sind. Er lebt fortan zurückgezogen von der Gesellschaft im Haus seiner Eltern und feiert noch als Dreißigjähriger Weihnachten, als wäre er ein kleiner Junge – einschließlich Bescherung für sich selbst. Doch in diesem Jahr ereignen sich beim Weihnachtsfest einige skurrile Begebenheiten, bei denen – typisch E. T. A. Hoffmann – Realität und Fantasie fließend ineinander übergehen.
Unter anderem trifft Peregrinus auf den titelgebenden Meister Floh, dem Oberhaupt aller Flöhe. Dieser geriet, nachdem er eine Prinzessin mittels eines Stichs aus einer Ohnmacht gerettet hatte, in die Fänge des Flohbändigers Leuwenhoek, der Meister Floh und seine Untertanen zu allerlei Kunststückchen in seinem Flohzirkus zwang. Doch Meister Floh konnte fliehen und versteckte sich in einer leeren Spielzeugschachtel, die zufällig in Peregrinus’ Besitz kam. Meister Floh bittet um Schutz vor Leuwenhoek, den ihm Peregrinus verspricht.



Was denken eigentlich die Zuschauer:innen?
Als Dank für seine Hilfe erhält Peregrinus von Meister Floh ein Gedankenmikroskop – eine Mischung aus Lügendetektor und Gedankenlesegerät, das Peregrinus helfen soll, zu wissen, was die Menschen um ihn herum wirklich denken. Das will der junge Mann natürlich direkt ausprobieren und geht in einer der amüsantesten Szenen des Abends in den Zuschauerraum. Er hält den Apparat nun an zufällig ausgewählte Personen im Publikum, deren vermeintliche Gedanken dann zu hören sind. „So ganz kann ich der verwirrenden Handlung ja nicht mehr folgen“, verkündet er die Gedanken einer Zuschauerin. „Mist, ich habe vergessen heute noch meine Mutter anzurufen“, die eines anderen. Ein ziemlich nützliches Instrument, so ein Gedankenmikroskop, oder? Das Gelächter im Publikum nach dieser Sequenz ist groß – und verschafft den Zuschauer:innen die Möglichkeit, die bisher dargestellte Geschichte etwas sacken zu lassen.
Dass der Stoff durch seine kunstvoll miteinander verwobenen Einzelgeschichten, die voller Verwechslungen, Doppelidentitäten und fantastischen Plot-Twists sind, sehr anspruchsvoll ist, weiß auch das Ensemble – und spielt bewusst damit. Dabei ist es erstaunlich, wie mühelos die vier Darsteller:innen aus Mainz – Stephanie Kämmer, Holger Kraft, Daniel Mutlu und Diana Storozhuk – zwischen den Charakteren hin- und herwechseln. Mal sind sie Flohbändiger, im nächsten Moment ein gigantischer Floh. Den Darsteller:innen ist es auch zu verdanken, dass aus den divergenten Handlungssträngen eine organische Geschichte erwachsen ist, die Hoffmanns traumhaft-groteske Fantasiewelten wunderbar komprimiert eingefangen hat. Die Begeisterung des Publikums war den Mainzer Gästen nach dieser atmosphärischen Reise in die Welt E. T. A. Hoffmanns sicher.
Ein Blick zurück – und in die Zukunft
Nach dem Applaus gab es zum Abschluss der Theatertage Rheinland-Pfalz euphorische Dankesworte von Kulturstaatssekretär Prof. Dr. Jürgen Hardeck, der das Team des Theaters Koblenz für die große Gastfreundschaft und die reibungslose Organisation bei der Ausrichtung des Festivals lobte. Im Anschluss übergab der Koblenzer Intendant Markus Dietze den Staffelstab der Theatertage – in Form einer gläsernen Trophäe mit den Logos der vier teilnehmenden Mehrspartenhäuser des Landes – an Daniel Böhm vom Pfalztheater Kaiserslautern. Dort finden 2028 die nächsten Theatertage statt. Koblenz ist erst 2034 wieder an der Reihe – ein Termin, den sich die Theaterenthusiast:innen schon jetzt vormerken können. Auch dann wird es wieder viele anregende Produktionen aus den anderen Theatern von Rheinland-Pfalz in Koblenz zu sehen geben.
Ein Festival wie die Theatertage ist jedoch viel mehr als nur eine Reihe von Gastspielen. Es bietet die Möglichkeit, zusammenzukommen, sich auszutauschen und gemeinsam zu feiern. Bei der Abschlussparty am Freitag konnten die Zuschauer:innen genau das: Bei Live-Musik, Sekt und Minestrone ließen sie die vergangenen 14 Tage und die vielen unterschiedlichen Stücke, die in Koblenz gezeigt wurden, noch einmal Revue passieren. Vom politischen Klassenzimmerstück bis zu einer international gefeierten Tanzperformance, von persönlichen Reflexionen über Herkunft, Identität und Gesellschaft in Kammerformaten, bis zu aufwändig produzierten Gegenwartsdramen, die den Finger in die Wunde aktueller Missstände legen – die Vielfalt dieses Festivals war bemerkenswert.
Während der Theatertage Rheinland-Pfalz ist Koblenz also tatsächlich ein Ort geworden, „wo Welten entstehen“, wie es im Festivalmotto heißt: Orte, in denen in unterschiedlichsten Formaten die Wirklichkeit verhandelt wird und brennende Gegenwartsthemen wie Identität, Körper, Gesellschaft und Staat reflektiert werden. Dieses Festival hat eindrücklich unterstrichen, wie wichtig Theater als Orte des gesellschaftlichen Diskurses sind und wie bereichernd ein Festival wie die Theatertage Rheinland-Pfalz für die Bevölkerung sein kann. Da ist die Vorfreude auf 2034 entsprechend groß.
Text: Dr. Patrick Mertens
Fotos: Arek Głębocki (Probenfotos)


