Schlagerträume: Ein Phänomen für alle

23. März 2026 · Dr. Patrick Mertens

Das inklusive Projekt „Schlagerträume“ feiert die verbindende Kraft von Schlager. Im fünften Teil unserer Serie zu den Theatertagen Rheinland-Pfalz erzählt Musikwissenschaftler Dr. Patrick Mertens, was ihm an dem Abend zum Mitsingen, Mittanzen und Mitfeiern besonders gefallen hat.

Schlager. Das ist ein Phänomen, das polarisiert – aber auch eines, das Menschen auf wunderbare Weise verbinden kann. Das hat die Produktion „Schlagerträume“, ein Gastspiel des Staatstheaters Mainz, das am Samstag im Rahmen der Theatertage Rheinland-Pfalz in Koblenz zu sehen war, eindrucksvoll gezeigt. Das Stück von Franziska Sarah Layritz nähert sich dem Phänomen Schlager liebevoll und mit viel Humor – und beschert dem Publikum auf der Probebühne 4 einen Abend, der ans Herz geht.

Hauptdarstellerin ist Tima Zucker, eine junge Frau mit Down-Syndrom, die Schlagerfan, Schauspielerin und Texterin zugleich ist – und mit „Schlagerträume“ ihren großen Traum lebt. Sie und Klaus Köhler, Ensemblemitglied am Staatstheater Mainz, spielen ein erfolgreiches Schlagerduo, das das Publikum in einer einstündigen Performance mit ihrer Liebe zum Schlager ansteckt. „Beim Schlager kannst Du alles sein – sogar ein Phänomen“, erklärt Zucker und unterstreicht damit das inklusive Potenzial, das Schlager besitzt. „Ein Abend über Selbstbestimmtheit und Gleichberechtigung“, heißt es entsprechend treffend auch in der Ankündigung.

Gaststar per Videoeinspielung

Der bewusst niedrigschwellige Zugang, den die Produktion zu Schlager und Theater bietet, zeigt sich schon in der Gestaltung des Bühnenraums: Vor der ersten Stuhlreihe sind Bistrotische und Stühle aufgestellt, sodass das Publikum hautnah an der Darbietung teilnehmen kann. Gleichzeitig gehen Zucker und Köhler bei ihren Nummern bewusst aktiv auf das Publikum zu – und es darf natürlich auch immer mitgemacht werden. Zudem verteilten Zucker und Köhler Autogrammkarten, womit sie viele junge wie ältere Zuschauer:innen sehr glücklich machten.

Prominente Unterstützung für ihr Projekt erhielt das Duo von Schlagerlegende Thomas Anders. In einem Videoeinspieler hielt er eine Laudatio auf den von Tima Zucker verfassten Schlagertext „Bis in die Ewigkeit“, der ebenso ehrliche wie berührende Zeilen enthält – etwa „Träume werden wahr, denn jeder ist ein Stern“. Als Anerkennung überreichte Anders den beiden einen vergoldeten Echo. Und natürlich wurde der eingängige Gewinnersong von Zucker und Köhler im Anschluss auch gesungen.

Adorno vs. Schlager

Für besondere Erheiterung sorgten kurze Videoeinspieler mit Lilly Lorenz, die als Schlagerexpertin ganz unterschiedliche Schlaglichter auf das Phänomen Schlager warf. Die wirtschaftliche Bedeutung des Genres etwa sei nicht zu unterschätzen. Einen großen Gelächtersturm lösten Lorenz’ Zitate des Philosophen Theodor W. Adorno aus, der kein gutes Wort am Schlager ließ und beispielsweise behauptete: „Schlager beliefern die zwischen Betrieb und Reproduktion der Arbeitskraft Eingespannten mit Ersatz für Gefühle überhaupt.“ Dass Schlager nicht nur Ersatz für Gefühle sind, sondern echtes Gefühl in Reinform sein können, beweist der Abend – und vor allem Zuckers und Köhlers ausgelassene Darbietung – eindrucksvoll.

Anders ließe sich die Beliebtheit des Genres seit über hundert Jahren auch nicht erklären – denn schon in den Goldenen Zwanzigern haben Schlager, als mit dem Begriff noch Einzelnummern aus Operetten mit „durchschlagendem Erfolg“ bezeichnet wurden, wie Lorenz erläutert, begeistert. Gleichzeitig, so führt Lorenz aus, ist Schlager auch ein spannendes Abbild der deutschen Geschichte: Im Nachkriegsdeutschland der Fünfziger findet man beispielsweise vor allem sehnsuchtsvolle Texte, während in den Siebzigern Themen wie Liebe (und Verlangen) stärker in den Vordergrund rücken.

Zwei Generationen von Schlager

Verschiedene Generationen von Schlagern trafen auch bei „Schlagerträume“ aufeinander: Während Klaus Köhler als Kind der Siebziger eine große Affinität zu Udo Jürgens hat, ist Tima Zucker ein riesiger Fan von Helene Fischer. „Ihre Musik ist wie ein Regenbogen in meinem Kopf“, schwärmte sie. Fischers größter Hit „Atemlos“ wurde von Zucker dann auch eindringlich im Glitzerkleid, umgeben von Seifenblasen, interpretiert – wobei das Publikum, wie bei allen Nummern des Abends, begeistert mitklatschte und mitsang.

Klaus Köhler schlüpfte anschließend in die Rolle Udo Jürgens, einschließlich des obligatorischen weißen Bademantels und aufgesprühtem Schweiß. Köhlers emotionale Darbietung von „Der gekaufte Drachen“ – von Axel Heintzenberg gefühlvoll am Klavier begleitet – führte dem Publikum eindrücklich vor Augen, wie kunstvoll, durchdacht und sogar gesellschaftskritisch Schlagertexte sein können. Als Gegenpol zum gewichtigen Text endete die Nummer mit einer humoristischen Einlage: Wie Jürgens ließ sich Köhler, sehr zur Freude der Beteiligten, vom Publikum mit roten Plastikrosen bewerfen.

Schiller oder Schlager?

Das Finale des Stücks bildete eine Gameshow mit dem Titel „Schiller oder Schlager“. Zucker und Köhler lasen hier Zitate vor und das Publikum musste mit Schildern abstimmen, ob es sich um einen Text Friedrich Schillers oder einen Schlager handelt. Am Anfang hatte das Publikum ein ziemlich gutes Gespür, doch mit zunehmendem Verlauf wurden die Beispiele immer schwieriger und das Publikum hielt so manchen Schlagertext für ein Werk Schillers. Oder hätten Sie gewusst, dass „Schwarz ist die Nacht um mich“ aus einem Maite-Kelly-Song stammt?

Zum Abschluss des Abends luden die Darsteller:innen das Publikum auf die Bühne ein, um zusammen zu Schlager zu tanzen und zu feiern – und gute Laune zu haben. Denn das ist es, was diese Produktion vor allem möchte: Menschen eine positive Stimmung geben und eine Welt schaffen, in der alle gleich sind und sich entfalten können. Und das ist dem Abend bestens gelungen.

Text: Dr. Patrick Mertens
Fotos: Arek Głębocki