„Wir schaffen das!“ Kaum ein Satz aus der deutschen Politik hat in den letzten zehn Jahren wohl für so viel Diskussionsstoff gesorgt wie dieser Ausspruch Angela Merkels vom 31. August 2015 im Kontext der damaligen Flüchtlingswelle. Die deutsche Bevölkerung und Politik reagierten teils mit optimistischer Zustimmung, teils mit heftiger Kritik. Doch wie bewerten eigentlich die Betroffenen, etwa die Flüchtlinge, die aus Syrien nach Deutschland kamen, diese Aussage und die damit verbundenen politisch-gesellschaftlichen Ideen?
Genau dieser Frage geht die syrische Theatermacherin Rania Mleihi nach. Ihre vom Theater Koblenz koproduzierte und in Nürnberg und München bereits erfolgreich aufgeführte Solo-Performance „My Personal Ten Years: Wir schaffen das!“ ist ein persönlicher Rückblick auf ihre Zeit in Deutschland, wo sie seit 2015 lebt. Vor dem Hintergrund des jüngsten politischen Umsturzes in Syrien und der deutschen Willkommenskultur, für die Merkels Satz längst zum Synonym geworden ist, berichtet sie aus ihrem Leben, von ihrer Familie in Damaskus und von den Herausforderungen eines Neuanfangs in Deutschland.
Experimentelle Form: Videoprojektion trifft Live-Darbietung
Die Form, die Mleihi dafür wählt, ist ebenso außergewöhnlich wie ihr Lebensweg: Zu Beginn der Vorstellung hält sich das Publikum noch im Foyer auf, als über Lautsprecher erst sphärische Musik und dann zunehmend Stimmfragmente den Raum erfüllen. Dann verstummt die Klangkulisse plötzlich und die Tür zur Probebühne 4 öffnet sich. Das Publikum betritt den dunklen Raum und setzt sich. Hier entfaltet sich nun eine Performance, die Videoprojektion, Musik, Voiceover-Erzählung und eine Live-Darbietung von Mleihi miteinander kombiniert.
Zunächst sitzt die Autorin mit dem Rücken zum Publikum und starrt auf eine große Leinwand. Dort erscheinen Szenen vom 8. Dezember 2024, dem Tag, als das Assad-Regime in Syrien gestürzt wurde. Die Bilder von Menschen, die auf den Straßen feiern, Statuen, die umgeworfen werden, und Porträts des ehemaligen Machthabers, die in Flammen aufgehen, gingen um die Welt. Mleihi bietet in ihrer Performance allerdings einen viel persönlicheren Zugang, als er dem deutschen Publikum durch dessen Blick von außen sonst möglich wäre.
Ein Gedankenstrom zwischen Trauma und Alltag
Der Abend ist keine chronologische Schilderung von Mleihis Biografie, sondern reiht fragmentarische Eindrücke und Gedanken der Autorin aneinander, die teils verschriftlicht als Projektion, teils per Voiceover präsentiert werden. Der Gedankenstrom wird mit atmosphärischer Musik und eindringlichen Bildern und Videos, viele davon aus Syrien, unterlegt. Bemerkenswert ist dabei, wie kunstvoll Mleihi tiefgründige Erkenntnisse über Gesellschaft und Politik mit Alltäglichem, manchmal gar Banalem verbindet.
„Die Welt geht unter und ich mach Salat“, ist eine von Mleihis Aussagen, die in diesem Kontext besonders nachhallen. Auch in ihrer parallelen Live-Performance konzentriert sich die Künstlerin auf das Alltägliche. Man sieht sie an einem Tisch, wie sie Kaffee kocht. Sie betrachtet das Publikum, verschwindet für längere Zeit von der Bühne. Sie breitet Gartenerde auf dem Tisch aus und füllt sie in Blumentöpfe.
Entsprechend verzichtet der Abend auf eine künstlich erzwungene Belehrung und gibt stattdessen einen ebenso realistischen wie packenden Einblick in die Welt einer syrischen Künstlerin, die seit zehn Jahren in Deutschland lebt. „Ich habe meine Wahrheit erzählt – ohne Scham“, erklärt Mleihi im Nachgespräch, bei dem das Publikum Hintergründe zur Produktion erfuhr und der Autorin Fragen stellen konnte. Selbst sehr persönliche und schmerzhafte Themen, wie das Schuldgefühl in Deutschland ein sicheres Leben zu führen, während die Familie noch in Syrien ist, werden in Mleihis Schilderungen nicht ausgespart.
Zwischen Leid und Optimismus
An dem von Claus Ambrosius moderierten Nachgespräch war auch die syrische Journalistin Luna Watfa beteiligt, die Mleihis Darstellungen um eine ganz andere Dimension erweiterte. Watfa arbeitet heute bei der Arbeitsagentur und ist Mitglied des Beirats für Migration und Integration der Stadt Koblenz. In Syrien musste sie als politische Gefangene 13 Monate Haft und Folter erdulden, weil sie als Journalistin die Wahrheit über die Gräueltaten des Regimes berichtete.
Watfas Geschichte zeigt, wie unterschiedlich die Schicksale der nach Deutschland gekommenen Syrer:innen sind – und mit wie viel Leid sie oft verbunden sind. Umso beeindruckender ist es, mit wie viel Optimismus Mleihi in die Zukunft blickt. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, betonte sie im Nachgespräch. Und auch ihre Performance endete mit einem positiv-versöhnlichen Ausklang: Auf Bildern und Videos sieht das Publikum, wie Mleihi 2025 endlich wieder ihre Eltern in Syrien besucht. Abschließend wird ein Panorama von Schnappschüssen präsentiert, die Mleihi in Deutschland, unter anderem bei ihrer Arbeit am Theater, zeigen.
„Ein sehr intensiver Abend“, fasste Claus Ambrosius die Performance im Nachgespräch zusammen – und dem konnten sich wohl alle Zuschauenden anschließen. „My Personal Ten Years“ hat einen persönlichen, ungeschönten und nachdenklichen Blick auf ein Migrationsschicksal geworfen und eindrucksvoll gezeigt, dass Theater nicht nur Orte sind, „wo Welten entstehen“, sondern auch Räume, in denen aktuelle gesellschaftliche Diskurse verhandelt werden.
Text: Dr. Patrick Mertens
Fotos: Arek Głębocki




