Ausstattung Deluxe: 270 Kostüme, 80 Meter Weizenfeld und ein Apfelbaum

28. September 2026 · Dr. Patrick Mertens

In Teil 1 unserer dreiteiligen Blogreihe zur deutschsprachigen Erstaufführung von „Kristina“ berichtet Musikwissenschaftler Dr. Patrick Mertens über die Konzeptionsprobe sowie das Ausstattungskonzept von Christian Binz.

„Seit über drei Jahren sind wir jetzt an diesem Stück dran“, eröffnet Christian Binz seine Präsentation der Ausstattung für das kommende Musical des Theaters Koblenz „Kristina“. Es ist Montag, der 14. September, als sich erstmals alle Beteiligten dieses monumentalen Musiktheaterprojekts zusammenfinden. Die Probebühne in der Koblenzer Innenstadt ist beim Konzeptionsgespräch – so nennt man die erste Probe einer Produktion, bei der das Regieteam sein Konzept für das Stück vorstellt – bis zum letzten Platz gefüllt. Schon das gibt einen ersten Eindruck von den Dimensionen dieser Produktion.

Bei „Kristina från Duvemåla“, so der Originaltitel, handelt es sich um ein Musical aus der Feder der ABBA-Komponisten Benny Andersson und Björn Ulvaeus („Mamma Mia!“). Die beiden schwedischen Musiker hatten sich nach dem Ende ihrer aktiven ABBA-Zeit in den 1980er-Jahren der Komposition größerer musikdramatischer Werke gewidmet. Nachdem sie im politischen Musical „Chess“ (1984 als Konzeptalbum veröffentlicht) den Kalten Krieg ins Zentrum gestellt hatten, zogen sie für ihr nächstes Bühnenwerk eine schwedische Vorlage heran: die Romantetralogie „Utvandrarna“ von Vilhelm Moberg.

Vom Roman zum Musical

Das 1949 bis 1959 im Kontext der schwedischen Arbeiterliteratur entstandene Epos, das 1971/72 von Jan Troell erfolgreich verfilmt wurde, porträtiert eine Gruppe von Kleinbauern und anderen Bewohnern des ländlichen Schwedens, die Mitte des 19. Jahrhunderts ihre Heimat Richtung Amerika verlassen. Benny Andersson und Björn Ulvaeus haben die rund 2000 Seiten umfassende Vorlage in Zusammenarbeit mit Lars Rudolfsson und Jan Mark zu einem Musical mit epischen Dimensionen adaptiert. Herzstück von „Kristina“, wie sie ihr Werk nannten, ist dabei die von Leitmotiven, also wiederkehrenden Melodien, durchzogene Musik. Diese verbindet ABBA-eske Eingängigkeit mit opernhafter Dichte und rauschenden Americana-Klängen.

Das 1995 in Malmö uraufgeführte Stück entwickelte sich zu einem der erfolgreichsten Musicals in den nordischen Ländern – ist anderenorts bislang jedoch kaum zu sehen gewesen. Dem Theater Koblenz ist es gelungen, sich die Rechte für die deutschsprachige Erstaufführung von „Kristina“ zu sichern. Nach drei konzertanten Voraufführungen im November und Dezember 2025 folgt dieses Jahr ab 31. Oktober die szenische Erstaufführung im Theaterzelt. Die lange Vorbereitungszeit gab sowohl den Darsteller:innen als auch dem Regieteam die Möglichkeit, sich im Vorfeld ausführlich mit dem musikalisch, technisch und inhaltlich höchst komplexen Werk auseinanderzusetzen.

Ein schwedisches Auswanderer-Epos

Im Zentrum des Musicals steht die Familie von Bauer Karl Oskar Nilsson und seiner Ehefrau Kristina. Die beiden leiden, wie weite Teile der Bevölkerung im Schweden des 19. Jahrhunderts, nicht nur unter den harten Lebensbedingungen, sondern auch unter religiöser Oppression und hierarchischen Gesellschaftsstrukturen. Nach mehreren Schicksalsschlägen machen sie sich 1850 auf den Weg Richtung Amerika. „Ein Fünftel der schwedischen Bevölkerung ist damals emigriert“, erklärt Dramaturg Andreas Wahlberg den gespannten Zuhörer:innen bei der Konzeptionsprobe.

Die Reise über den Atlantik ist allerdings nicht minder beschwerlich als ihr Leben in Schweden – und auch in Amerika läuft insbesondere aufgrund von Sprachproblemen und kulturellen Unterschieden nicht alles so einfach wie erhofft. Dennoch ziehen die Siedler weiter nach Westen, wo sie in Minnesota – neben größeren persönlichen wie religiösen Freiheiten – auf besseres Farmland hoffen. „Dieses Narrativ ist heute natürlich problematisch“, betont Wahlberg und verweist auf den Homestead Act von 1862, der die Besiedlung des amerikanischen Westens weiter vorantrieb und damit die Verdrängung von Native Americans verschärfte. Auch im Musical „Kristina“ wird das Problem der Landnahme beleuchtet. „Alles Diebstahl, alles Raub“, wirft beispielsweise der Pelzjäger Nöjd im zweiten Akt Karl Oskar vor.

Eine Besonderheit des Werks ist das Aufeinanderprallen zweier Welten – der schwedischen und der amerikanischen –, wobei „Kristina“ typische amerikanische Migrationsnarrative unterläuft. Denn keineswegs alle Auswanderer sind mit ihrem neuen Leben in Minnesota zufrieden. Insbesondere die Titelfigur Kristina trauert ihrer alten, „wahren“ Heimat Schweden, die durch ihren geliebten Apfelbaum symbolisiert wird, nach. Ganz anders ergeht es einem weiteren Mitglied ihrer Auswanderergruppe: Die in Schweden von der Gesellschaft ausgegrenzte Ulrika assimiliert sich sehr schnell in Amerika – nur eines von zahllosen Beispielen für die differenzierte Beleuchtung des Themenkomplexes durch die Autoren.

„Ein Potpourri an Menschen“: Mehr als 270 Kostüme

Eine derart groß dimensionierte Geschichte wie „Kristina“ verlangt natürlich nach einer nicht minder epischen Ausstattung. Das stellt Christian Binz, der sowohl für Kostüme als auch das Bühnenbild des Musicals zuständig ist, vor eine große Herausforderung. Umso größer ist das Staunen bei der Konzeptionsprobe, als er sein Ausstattungskonzept für „Kristina“ vorstellt. „Für den Chor haben wir 190 Kostüme“, berichtet Binz, während er auf die endlosen Reihen an Figurinen – also Abbildungen der Kostümentwürfe –, die hinter ihm hängen, zeigt. „Für die Solist:innen etwa 80.“ 

Im Kostümdesign verfolgt Binz eine klare Farbdramaturgie, mit der die drei zentralen Welten innerhalb des Musicals widergespiegelt werden sollen: Der Beginn in Schweden ist von einer religiös-formalen blau-grauen Farbgebung geprägt. Als Kontrast hierzu verwendet Binz für Amerika eine wärmere, von Rot-Orange-Tönen dominierte Farbpalette. Eine ganz eigene Welt wird für die Szene in New York kreiert, wo die Migranten erstmals amerikanischen Boden betreten. „Hier stehen fast 70 Menschen auf der Bühne“, erklärt Binz. Entsprechend wird ein großes Figurentableau – ein „Potpourri an Menschen“, wie Binz es nennt – geschaffen, das einen „visuellen und sensorischen Overload“ bietet.

Scheune, Schiff und Weizenfeld

Nicht minder spektakulär gestaltet sich das Bühnenbild, das gerade im ersten Teil die unterschiedlichsten Spielräume – schwedische Felder, das Zuhause von Karl Oskar und Kristina, das beklemmende Innere eines Schiffs, die hektischen Straßen New Yorks und schließlich die endlosen Weiten Minnesotas – darstellen muss. Als visuelle Referenz für die Zeit zwischen 1840 und 1860, in der „Kristina“ spielt, benennt Binz den dänischen Maler Hans Andersen Brendekilde, der den harten Alltag skandinavischer Bauern prägnant eingefangen hat, sowie den Amerikaner Winslow Homer. Brendekildes Darstellungen der bäuerlichen Welt Skandinaviens und Homers Bilder des ländlichen Lebens in Amerika sind – genau wie die Figurinen – an den Stellwänden auf der Probebühne angebracht, damit sich das ganze Team visuell in das Stück einfinden kann.

Zentrales Element des Bühnenbilds wird ein scheunenartiger Holzbau sein, der auf Plänen und in einem Bühnenmodell ebenfalls bei der Konzeptionsprobe den Darsteller:innen präsentiert wird. Dieser Holzrahmen kann sich durch kleine Veränderungen in ein Schiff oder auch die freie Landschaft verwandeln. In der Mitte der Bühne befindet sich ein Feld aus Erde – immerhin bildet der Boden ja die Lebensgrundlage der schwedischen Bauern und kann zur damaligen Zeit über Leben und Tod entscheiden. Im zweiten Akt verwandelt sich die karge Erde in ein Weizenfeld – ein Coup de théâtre, für den ganze 80 Laufmeter künstliches Weizenfeld mit 4000 Ähren angeschafft werden mussten. „Musikalisch ist dieses Stück sehr üppig“, betont Binz. „Dem müssen wir auch optisch Üppiges entgegenstellen.“ Ergänzt werden die Bauten durch Videoprojektionen von Georg Lendorff.

Wo kauft man eigentlich einen Apfelbaum?

Die passende Ausstattung für ein historisches Epos wie „Kristina“ zu besorgen, ist eine ganz eigene Herausforderung. Bereits am Konzeptionstag kann man auf der Probebühne zahlreiche Kisten und Koffer, die liebevoll beschriftet sind, bewundern. Nicht alle Ausstattungsstücke sind jedoch selbst gefertigt. Auch online wurden zahlreiche echte historische Gegenstände für das Musical beschafft. Welche Website sich für derartige Anschaffungen am besten eignet, ist eine Wissenschaft für sich – gerade wenn es um besondere Ausstattungselemente wie das bereits erwähnte künstliche Weizenfeld oder Kristinas Apfelbaum geht.

„Wir haben eine Firma gefunden, die sich auf die Herstellung künstlicher Apfelbäume spezialisiert“, berichtet Intendant und Regisseur Markus Dietze. „Sogar die Sorte konnten wir auswählen.“ In den nächsten Wochen erarbeiten nun die Darsteller:innen zusammen mit Dietze und dem musikalischen Leiter Karsten Huschke zunächst auf der Probebühne die Inszenierung des Stücks. Bis sie im vollständigen Bühnenbild spielen können, dauert es noch etwas. Erst wenn die Produktion Mitte Oktober ins Theaterzelt umzieht, haben die Darsteller:innen die Möglichkeit, mit Erde, Weizenfeld und Apfelbaum zu proben. Dann geht die Probenarbeit in die nächste Phase, von der wir auch hier im Blog berichten werden.

Dr. Patrick Mertens

Text: Dr. Patrick Mertens
Fotos: Arek Głębocki