Guglielmo und Ferrando glauben an die bedingungslose Treue ihrer Freundinnen. Aber Don Alfonso ist skeptisch: Wenn die Frauen so treu sind, dann kann man diese Treue auch mal auf die Probe stellen, oder? Vielleicht mit ein bisschen Mummenschanz? Mozarts „Così fan tutte“ ist auf den ersten Blick ein großer Spaß. Mino Marani, seit 2017 Erster Kapellmeister am Theater Koblenz und musikalischer Leiter der konzertanten „Così“-Aufführung, erklärt, was hinter der vorgeblich lustigen Handlung steckt.

Mino Marani mit seiner Partitur zu Così fan tutte

Mino Marani, „Così fan tutte“ war die erste Mozartoper, die ich auf einer Bühne gesehen habe, irgendwann in den Achtzigern. Hat mich sofort gekriegt. Weswegen ist diese Oper so populär? Sie haben sie auch schon einmal dirigiert.
Mino Marani: Ja, 2012 in Mainz. „Così fan tutte“ ist die einzige Oper von Mozart und Da Ponte ohne klare Vorlage. „Die Hochzeit des Figaro“ basiert auf Beaumarchais, von der „Don Giovanni“-Geschichte gibt es Millionen Fassungen, aber „Così fan tutte“ ist wirklich eine Neuerfindung, ein Originalkunstwerk. Auf der Oberfläche der Handlung verkleiden sich zwei Männer und versuchen, die Freundinnen zu tauschen. Ich glaube aber, viel wichtiger als die Frage der Treue ist die Frage der Identität. Wenn die zwei Männer verkleidet auftreten, sagen sie „Ich komme aus dem Osten“, vielleicht aus Albanien, vielleicht aus der Türkei, egal: Es ist exotisch. Und in diesem Moment sind sie viel lustiger, viel interessanter als zuvor. Für die eigenen Freundinnen, aber auch für das Publikum. Sie singen andere Sachen, sie übertreiben, sie sind nicht mehr konventionell. Deshalb funktioniert die Geschichte, und deshalb funktioniert auch der Plan, dass sie die Freundinnen des Gegenübers verführen: Wenn man sich verkleidet, dann wird man jemand anderes. Das ist, was dieses Stück modern macht.

Die Figuren sind alle unsympathisch, bis auf das Kammermädchen Despina. Von sich überzeugte Männer, ein bisschen doofe Frauen und mittendrin mit Don Alfonso ein Besserwisser. Man mag die nicht. Aber nach dem, was Sie gerade gesagt haben, sind sie in dem Moment der Verkleidung andere Figuren. Auch in der Musik?
Marani: Ja, das ist deutlich spürbar. Es gibt in dieser Oper sehr viel Parodie und Manierismus, auch wenn das für unsere Ohren heute etwas weniger leicht zu erkennen sein mag als für die Ohren des damaligen Publikums. Mozart komponiert zwar seine eigene Musik, er benutzt aber oft parodistische Wege. Wenn die zwei Liebhaber lügen „Wir fahren jetzt in den Krieg“, dann tritt ein Militärchor auf und singt eine Art Marsch. Aber das ist keine echte Militärmusik, sondern eine Parodie. Wenn die Liebhaber zum ersten Mal verkleidet auftreten, haben sie eine sehr pathetische Liebesszene, extrem manieriert, absurd übertrieben. Mozart schreibt hier eine Art italienischen Madrigalgesang aus der Renaissance – aus seiner Sicht sehr alte Musik, um diese übertriebene Manier zu zeigen.

Die Generalprobe von Così fan tutte in der Rhein-Mosel-Halle

Alles an diesem Stoff ist Spiel. Die Aufführung in Koblenz geht dann aber am Thema vorbei – die ist konzertant.
Marani: Wir benutzen den Begriff „konzertant“, um zu sagen, dass es keine Bühne gibt und dass sich die Sänger vor dem Orchester platzieren. Allerdings hat eine Oper immer eine Dramaturgie, niemand wird behaupten, eine Oper nur als Musik hören zu können. Das will auch niemand. Selbst wenn man eine CD hört, gibt es trotzdem die Worte, und die Worte haben eine eigene Dramaturgie. Diese Ebene geht nicht verloren. Allerdings kann man die dramaturgische Ebene mit größeren oder mit kleineren Mitteln zeigen. In diesem Sinne ist das, was wir da machen, eine Art minimale Inszenierung dieser Oper. Weil wir versuchen, dass die Menschen das spielen, was sie sind. Dass sie mit den richtigen Ansprechpartnern sprechen. Dass sie auftreten und abtreten. Wir haben vielleicht zehn Requisiten, aber das sind diejenigen, die wirklich notwendig sind, damit das Stück funktioniert. Insofern sehen wir das nicht wirklich als konzertante Aufführung.

Das ist inszeniert? Ich ging eigentlich davon aus, dass die Sängerinnen und Sänger instinktiv in ihre Rolle fallen, sobald sie auf der Bühne stehen.
Marani: Wir haben das tatsächlich lange geprobt, weil es nicht so leicht ist, in diese Rollen zu fallen. Diese Figuren sind extrem komplex, viel komplexer als zum Beispiel in „Don Giovanni“. Don Giovanni ist von Anfang bis Ende derselbe. Hier haben wir eine starke Verwandlung der Charaktere – Don Alfonso und Despina bleiben, was sie sind, aber die vier Liebhaber nicht. Außerdem sind unsere Sängerinnen und Sänger keine italienischen Muttersprachler, es ist also für uns alle eine große Herausforderung, diesen Text zu studieren und zu interpretieren. Und diese Auseinandersetzung sorgt dafür, dass da Menschen auf die Bühne kommen und nicht nur Noten singen, sondern Rollen verkörpern.

Mino Marani dirigiert Così fan tutte

Was sind das denn für Entwicklungen der Figuren?
Marani: Guglielmo, der Bariton, ist ein Mensch mit etwas heißeren Temperaturen. Der reagiert sehr direkt auf Situationen, auch seine Art zu lieben ist ein bisschen wärmer. Während Ferrando, der Tenor, sensibler, etwas zarter ist. Guglielmo schafft es, Ferrandos Freundin Dorabella zu verführen, und das versteht er als erotisches Spiel. Sie sagt ganz unerwartet: „Ja! Ich mache mit!“, und in dem Moment wendet er sich ans Publikum: „Es tut mir leid, aber ich habe mein Soldaten-Ehrenwort gegeben, dass ich dieses Spiel mitmache!“ Das geht ein bisschen weit, die Freundin des besten Kumpels zu verführen – aber er muss weitermachen. Und er genießt das erotische Spiel. Anders ist es bei Ferrando. Bei dem funktioniert die Verführung von Guglielmos Freundin Fiordiligi erst kurz vor dem letzten Finale. Aber weil Ferrando eine derart sensible Seele ist, verliebt er sich tatsächlich. Er findet da in sich eine Seite, die er nicht kannte. Und bei den Frauen ist es genauso. Das ist die große Entwicklung: Meine Identität, das, was ich bin, das, was mich interessiert, ist nicht nur das, was ich kenne!

Das Stück endet harmonisch, auch auf der musikalischen Ebene. Aber eigentlich müssten am Ende alle unglücklich sein. Die beiden Männer wissen, dass sich ihre Frauen bald in jemand anderen verlieben werden. Die Frauen stecken in Beziehungen, die sie eigentlich schon abgeschlossen hatten. Don Alfonso hat die Wette gewonnen, aber was hat er davon? Und Despina ist verärgert, dass sie außen vor ist.
Marani: Klar, was hat Don Alfonso davon? Nichts, außer den 100 Münzen, die er als Sieger bekommt. Aber für einen Philosophen ist es wichtig, den Punkt zu machen, zu hören „Du hast recht!“ Am Ende sind die Liebhaber wirklich verzweifelt, „Die Frauen sind uns untreu, was sollen wir machen?“ Und da sagt Don Alfonso: „Nichts müsst ihr machen! Ihr müsst sie nehmen, wie sie sind!“ Das ist wirklich eine interessante Moral: Es geht nicht ums Verzeihen, sondern es geht darum, dass man weiser geworden ist. Und deshalb endet es harmonisch, weil man das akzeptiert hat, dass die Menschen sind, wie sie sind. Das ist vielleicht etwas weniger sicher, aber es ist auch interessanter. Und wir sind nicht mehr blind.

Interview: Falk Schreiber
Fotos: Anja Merfeld