Kleopatra – kaum ein Name ruft so viele Assoziationen hervor wie der der legendären ägyptischen Königin: Die einen denken an das berühmte Hollywood-Epos mit Elizabeth Taylor, die anderen an William Shakespeares Tragödie „Antony and Cleopatra“. Letztere hat dem amerikanischen Komponisten John Adams (*1947) als Inspiration für seine gleichnamige Oper gedient, die diese Woche in Koblenz unter der Regie von Markus Dietze ihre deutsche Erstaufführung feiert.
Adams ist beim Koblenzer Publikum kein Unbekannter. Bereits 2019 brachte das Theater den für seinen Klangfarbenreichtum bekannten Komponisten mit „Doctor Atomic“ auf die Bühne. Nach diesem Biopic über Robert Oppenheimer, den Vater der Atombombe, folgte 2023 Adams’ meistgespieltes Bühnenwerk: die Oper „Nixon in China“, die längst als moderner Klassiker gilt. Angesichts dieser engen Adams-Verbindung verwundert es nicht, dass es dem Theater Koblenz gelungen ist, Adams’ neueste Oper als zweites Haus in Europa zeigen zu dürfen.
Politische Ränkespiele im antiken Rom
Mit der dramatischen Liebesgeschichte von Antonius und Kleopatra wendet sich John Adams einem Sujet zu, das sich deutlich von seinen früheren Opernstoffen abhebt. Inhaltlich folgt „Antony and Cleopatra“ vornehmlich Shakespeares gleichnamigem Drama. Dieses wird jedoch von Adams und seinen Mitlibrettisten Elkhanah Pulitzer und Lucia Scheckner um Originalquellen von Vergil und Plutarch ergänzt: Nach Caesars Tod gehört der Feldherr Marcus Antonius (Andrew Finden) zu den drei Machthabern des Römischen Reiches. Statt seine politischen Verpflichtungen in Rom wahrzunehmen, lebt er in Alexandria und verliert sich in einer Beziehung zur ägyptischen Königin Kleopatra (Danielle Rohr).
Antonius’ Rivale Octavian (Tobias Haaks) – der spätere Kaiser Augustus, der bei Adams schlicht Caesar heißt – versucht dies zu seinem Vorteil auszunutzen. Um seine Macht zu stabilisieren, heiratet Antonius Octavians Schwester Octavia (Haruna Yamazaki). Obwohl die Verbindung politisches Kalkül ist, verschärft sie den Konflikt mit Kleopatra. Die Spannungen münden schließlich in einen offenen Krieg, der in der Seeschlacht bei Actium entschieden wird: Octavian siegt, Antonius und Kleopatra unterliegen – und entziehen sich der Niederlage durch den Freitod.
„Eine dankbare Herausforderung“
Diese dramatische Handlung bietet John Adams reichlich Möglichkeiten zu einer nicht minder dramatischen Musik. „Es ist das schwerste Zeug, was wir seit Langem zu bewältigen hatten“, erklärt Dirigent Enrico Delamboye über die Oper. „Das Stück verlangt den Sänger:innen viel ab, denn die Töne sind sehr schwer aus dem Nichts zu treffen.“ Damit spielt Delamboye darauf an, dass Orchester und Gesangsstimmen in Adams’ Komposition zwei Kontrastwelten bilden, die sich gegenseitig ergänzen. „Wenn die beiden Elemente zusammenkommen, beglückt das die Musiker:innen unglaublich“, versichert der Dirigent. „Das ist eine dankbare Herausforderung.“
Die Bühnenorchesterproben sind solche Momente, an denen musikalisch alle Elemente zusammenkommen. Zuvor haben die Sänger:innen die komplexe Musik mit Klavier einstudiert und auch die szenischen Proben fanden bis zu diesem Zeitpunkt ausschließlich klavierbegleitet statt. Gerade bei einem Komponisten wie John Adams, dessen Werke sich durch eine hochdifferenzierte Orchestration mit einem „unglaublichen Klangfarbenreichtum“, so Delamboye, auszeichnen, ist die Klavierreduktion weit vom späteren Klangerlebnis entfernt – entsprechend wichtig sind die Bühnenorchesterproben und die vorangegangenen Orchestersitzproben für die musikalische Erarbeitung des Stücks.
Wie außergewöhnlich die instrumentalen Farben bei „Antony and Cleopatra“ sind, zeigt sich bereits bei einem Blick auf die als Orchestergraben fungierende Seitenbühne im Koblenzer Theaterzelt. Diese ist bis zum Rand gefüllt. Besonders auffällig sind dabei die breite Bläserbesetzung und ein Instrument, das man sonst eher selten in klassischen Orchestergräben antrifft: Das Cimbalom, ein mit Klöppeln geschlagenes Hackbrett, das in Adams’ Oper einen sehr markanten, pseudo-ägyptischen Sound generiert. Bezeichnend ist, dass dieses Instrument und sein Klang keineswegs „authentisch ägyptisch“ sind, sondern bewusst mit unseren – nicht selten durch Hollywood geprägten – Vorstellungen und Vorurteilen vom alten Ägypten spielen.
Ein kunstvolles Spiel mit Assoziationen
Auch Bühne und Inszenierung greifen diese medial geprägten Stereotypen von Ägypten und Rom auf – und konterkarieren sie gezielt. Das Set beispielsweise ist keineswegs „historisch“, beschwört aber dennoch sofort Allusionen eines Hollywood-Ägyptens herauf. „Der Grundraum besteht aus einer Videowand als zentralem Ort“, beschreibt Bühnenbildner Bodo Demelius sein Konzept. „Davor gibt es eine rechteckige Fläche, die mit Wasser assoziiert wird und von Sandstein umgeben ist.“ Die Verknüpfungen zu einem antiken Palast sind unverkennbar, ohne klischeehaft zu wirken. Besonders ausgeklügelt ist es, das zentrale Rechteck mit einem Tanzboden aus spiegelnder schwarzer Glanzfolie zu gestalten, sodass die Projektionen der Videowand (Video: Georg Lendorff) reflektiert werden.
Die Videowand und das offene Design der Bühne ermöglichen es zudem, dass in dem Raum mühelos die unterschiedlichsten Orte gesehen werden können. Und das ist bei einer Oper wie „Antony and Cleopatra“ enorm wichtig, wie der Bühnenbildner erklärt: „Das ist ein Stück, das sehr schnell zwischen verschiedenen Orten – Alexandria, Rom, Athen – hin- und herspringt. Außerdem müssen viele Personen schnell auf- und wieder abtreten. Daher mussten wir eine Bildlösung finden, die das alles ohne lange Umbauten möglich macht.“ So genügt es beispielsweise, einen imposanten Tisch auf die Bühne zu schieben, um aus Kleopatras Palast das antike Rom zu machen, oder eine Reihe von Poolmöbel zu ergänzen, um wieder zurück nach Alexandria zu wechseln. „Die Orte werden mit relativ wenigen Mitteln erzählt“, unterstreicht Demelius. „Wichtig ist, alle Orte zu erzählen, ohne zu illustrieren.“

Gewalt und Militarismus
Denn das Setting der Oper mag zwar die Antike sein, ihre politischen Aussagen sind jedoch aktueller denn je. „Der Fokus liegt nicht auf den historischen Ereignissen, sondern auf den Figuren und ihren persönlichen Beziehungen“, erklärt Dramaturgin Franziska Hansen. „Die Figuren sind mehr Archetypen als durchpsychologisierte Personen.“ Einen zweiten zentralen Ansatzpunkt der Inszenierung von Markus Dietze bildet der glorifizierte Militarismus des alten Roms, der durch Adams’ teils martialische Klangwelt, die (gerade in den Rom-Szenen) wie eine bewusst überzeichnete Verfremdung alter Sandalenfilm-Soundtracks à la „Ben Hur“ wirkt, kunstvoll dekonstruiert wird.
Ein besonders eindringliches Bild schafft die Inszenierung mit einem Newsreel, das die Hochzeitsreise von Antonius und Octavia begleitet. Im Habitus eines modernen Politikerpärchens sind die beiden vor wechselnden Videohintergründen zu sehen, in denen bewusst klischeehafte Projek tionen des alten Roms mit modernen Kriegsbildern und Militärpropaganda gemischt werden – eine ebenso einprägsame wie bedrückende Szene. „Die Gewalt ist ein roter Faden, der sich durch die Inszenierung zieht“, betont Hansen. Dass diese Gewalt möglichst realistisch aussieht, ohne für die Darsteller:innen gefährlich zu sein, ist ebenfalls eine der Aufgaben, denen man sich in den Bühnenproben intensiv widmet.
Schon bei der ersten Bühnenorchesterprobe wurde deutlich, wie gut Sänger:innen, Szene und Orchester bereits zwei Wochen vor Premiere miteinander harmonieren und welch emotionale Wucht „Antony and Cleopatra“ entfalten kann. Die Oper ist dabei bewusst kein stereotyp bebildertes Historienstück, sondern – gerade in der Koblenzer Produktion – eine reflektierte Auseinandersetzung mit medialen Zuschreibungen. Im Zentrum steht nicht nur eine tragische Liebesgeschichte, sondern ein erschreckend aktueller Blick auf eine von Militarismus und Brutalität geprägte Politik. Gerahmt wird all dies von John Adams’ dichter, vielschichtiger Klangsprache, die eindrucksvoll zeigt, wie zeitgenössische Oper aussehen kann.Ab 9. Mai kann sich das Publikum selbst ein Bild von der Wirkungskraft dieses „Musiktheaterevents“, wie Dirigent Delamboye es nennt, machen. Dann feiert „Antony and Cleopatra“ Premiere im Theaterzelt.
Text: Dr. Patrick Mertens
Fotos: Matthias Baus


