Mit Operetten hat das Theater Koblenz in den vergangenen Jahren gute Erfahrungen gemacht. So steht nun nach der „Herzogin von Chicago“ (2016) und der „Csárdásfürstin“ (2018) ein weiterer Klassiker von Emmerich Kálmán auf dem Spielplan: seine weltbekannte „Gräfin Mariza“. Es inszeniert die Französin Pascale-Sabine Chevroton, eine ausgebildete Tänzerin, die damit ihren Einstand in Koblenz gibt. Ein Porträt.

Pascale-Sabine Chevroton – Regisseurin von Gräfin Mariza

Wir sind in der Altstadt auf einen Nachmittagskaffee verabredet, was keine kleine Herausforderung ist, denn Pascale-Sabine Chevroton lebt in diesen Tagen praktisch rund um die Uhr im Theater. Sie kennt den Weg zwischen ihrer Gastwohnung und dem Haus am Deinhardplatz, aber kaum mehr als das. Sechs Wochen wird sie am Deutschen Eck sein, mit den Sängerinnen und Sängern die Kálmán-Operette erarbeiten – und dann? „Geht es zurück nach Berlin“, antwortet sie. Denn dort lebt sie, seit 2006, mit ihrem Mann und dem zwölfjährigen Sohn.

Zuvor war sie in Wien daheim, aber auch das war letztlich nur eine Durchgangsstation. Geboren wurde sie in Frankreichs Osten, genauer gesagt: in Besançon. Knapp 120.000 Einwohner zählt die Stadt, der Ballungsraum etwa eine Viertelmillion. Dijon ist nicht weit, Lausanne ebenso wenig. Fünf Museen, eine Oper und eine Handvoll Theater gibt es dort, außerdem, übers Jahr verteilt, viele Festivals.

Stammt sie aus einer Theaterfamilie? Sie muss lachen. Nein. Väterlicherseits sind die Männer seit drei Generationen Metzger; mütterlicherseits Bauern und Briefträger. „Meine Mutter hat zwar gesungen, Klavier gespielt und viel gezeichnet – aber nicht professionell.“ Doch sie weckt in der Tochter die Liebe zur Kunst. Und, vor allem, zum Tanz.

Mit sieben nimmt Pascale-Sabine im örtlichen Konservatorium ihre ersten Ballettstunden und weiß mit achteinhalb: Ich werde Tänzerin. Eine Alternative? Gibt es nicht, gab es nie. Gleichwohl singt sie daneben im Kinderchor, spielt Klavier und Geige und beschäftigt sich viel mit Musiktheorie („die hat in Frankreich einen hohen Stellenwert“). Was die Schule betrifft, besucht sie ein auf Kunst spezialisiertes Gymnasium, auf dem sie mit 17 ein Musik- und Tanzabitur ablegt.

Tobias Haaks und Lilli Wünscher vor der Klavierhauptprobe von Gräfin Mariza

„Es waren tolle Jahre“, erinnert sie sich. Eine glückliche Kindheit und Jugend. „Ich habe so viele unterschiedliche künstlerische Erfahrungen machen können. Die Schule lief eher nebenbei.“ Denn natürlich ist sie schon als Teenager oft im Theater zu finden: „Ich hatte ein Schauspiel-Abo, aber auch ein Opern-Abo. Ich habe alles angeguckt.“

Als sie nach dem Baccalauréat nach Lyon gehen will, um dort klassischen Tanz zu studieren, stellt sich heraus: Obwohl nicht einmal volljährig, ist sie dafür bereits zu alt. Doch Förderer machen sie auf einen Sommerkurs in Köln aufmerksam. Mit einem Stipendium in der Tasche macht sie sich auf den Weg. Das war 1988. Geplant war: ein Sommer am Rhein und dann eine Rückkehr nach Frankreich.

Es kommt anders. Sie hat nie wieder dort gelebt. Pascale-Sabine Chevroton bleibt in Köln, studiert dort Tanz und nebenbei an der Fernuni in Reims Psychologie („Ich komme aus einer Familie, in der immer viel gearbeitet wurde“). Danach erhält sie eine Zusage für das Corps de ballet der Wiener Staatsoper – „aber nie einen Vertrag“ –, geht dann erst nach Nordhausen, anschließend nach Meiningen. So zierlich sie ist, so stark ist sie auch. Zart und hart. Es folgen Essen und Freiburg; Ende der neunziger Jahre wagt sie den Schritt in die Freiberuflichkeit.

Erste Assistenten-Jobs weisen unterdessen bereits in eine neue Richtung. „Als Tänzerin war ich einfach nicht mehr zufrieden“, erinnert sie sich. „Ich bin nicht nur zwei Arme und zwei Beine. Ich bin mehr.“ Die erste Arbeit als – nunmehr – Choreographin führt sie 1999 ans Volkstheater nach Wien. Wohin sie dann auch umzieht. Und sich von dort mit großem Willen und ebensolchem Fleiß und im Alter von nicht einmal 30 Jahren ihre zweite Karriere aufbaut.

Pascale-Sabine Chevroton im Gespräch mit Lilli Wünscher

Ihren charmanten Akzent hat sie bis heute nicht verloren. Es ist ein großes Vergnügen, ihr zuzuhören, wenn sie von ihrer Arbeit und ihren Gedanken zum Tanz erzählt. Was sie schon immer beschäftigt hat? Die Frage, wo Choreographie eigentlich beginnt. „Die Bewegung eines Körpers im Raum – ist das bereits Choreographie?“ Und: Was ist innerhalb der zahllosen Möglichkeiten, als Choreographin zu arbeiten, eigentlich das, was sie persönlich reizt? Was möchte sie selbst?

Lediglich Tanznummern zu choreographieren – das jedenfalls will sie nicht. „Sie kommen nirgendwo her, sie führen nirgendwo hin. Mich interessiert es viel mehr, die psychologischen Aspekte einer Rolle zu erarbeiten.“ So war der Weg zur Regisseurin dann nicht mehr weit. Der erste Job der nunmehr dritten Karriere: „Pariser Leben“ von Jacques Offenbach für ein österreichisches Festival. Exakt 20 Jahre ist das jetzt her.

Heute führt sie Regie, arbeitet aber auch weiterhin als Choreographin. Und das, zwischen Lübeck, Münster, Saarbrücken, St. Gallen und Coburg, überall dort, wo man sie möchte. Ihre Inszenierung der „Bajadere“ – einer weiteren 20er-Jahre-Operette von Emmerich Kálmán – hatte der Koblenzer Operndirektor Rüdiger Schillig im Sommer 2019 bei den Schlossfestspielen Neustrelitz gesehen. Daraufhin erhielt sie die Anfrage, ob sie Zeit und Lust hätte, „Gräfin Mariza“ in Koblenz zu inszenieren.

Das Ensemble von Gräfin Mariza vor der Klavierhauptprobe

Sie hatte beides. Und nun arbeitet sie also Tag und Nacht mit den Koblenzer Sängerinnen und Sängern, den Schauspielern, Tänzern, Musikern und Statisten an ihrem ehrgeizigen Plan, in ihrer Interpretation der „Gräfin Mariza“ mehr als Operettenseligkeit zu verbreiten. Denn sie sei noch immer nicht die Frau für „Show und Tralala“, wie sie selber formuliert.

Sie zieht ihr Regiebuch aus der Tasche. Wild zerfleddert, eselsohrig und über und über mit Notizen vollgeschrieben ist es. Links die handschriftlichen Anmerkungen, rechts die Noten, seitlich kleben Post-it-Mini-Haftmarker in allen Neonfarben. „Kálmán musste, als Jude, 1938 Wien verlassen und emigrierte über Zürich nach Paris und von dort 1940 in die USA“, erzählt sie. „Kennen Sie die Fotos von ihm und seiner Familie aus Amerika? Er, seine Ehefrau, die drei Kinder. Die haben mich berührt und ich möchte in meiner Inszenierung, auf einer zweiten Ebene, auch davon erzählen, was dem Komponisten dieses Werks widerfahren ist.“

Zur Vorbereitung hat sie deshalb auch oft mit dem letzten noch lebenden Kind Kálmáns telefoniert, der Tochter Yvonne. Die war vergangenen Sommer sogar nach Neustrelitz gekommen, um Chevrotons „Bajadere“ persönlich anzusehen. Ein weiter Weg, lebt die alte Dame doch in Puerto Vallarta in Mexiko, wo sie ein Luxushotel betreibt, die „Casa Yvanneka“. Doch die 83-Jährige versteht sich bis heute im Hauptberuf als Botschafterin der Werke ihres Vaters und reist dafür noch immer unermüdlich um die ganze Welt.

Yvonne Kálmán hat ihr gefallen. Deren Lebensfreude, deren Lebenssucht. Denn: „Es gibt, trotz allem, nicht nur das Theater“, sagt Chevroton. „Wenn man kein Leben hat, kann man auf der Bühne auch nichts erzählen. Man muss die echten, tiefen Emotionen selber erlebt haben, um sie überzeugend inszenieren zu können.“ Was ihr größtes Ziel ist? Sie schaut einen mit ihren sanften Augen sehr ernsthaft an. „Dass meine Inszenierung emotional berührt.“

Text: Margot Weber
Fotos: Anja Merfeld


Die Solistinnen und Solisten dieser Produktion haben sich ab den Endproben unter ärztlicher Aufsicht regelmäßigen, engmaschigen medizinischen Tests auf eine Infektion mit Covid-19 unterzogen. So ist auch eine Unterschreitung des Mindestabstands ohne zusätzliche Schutzmaßnahmen möglich.