Studie einer Zeitenwende: Klaus Manns „Mephisto“

17. Januar 2026 · Dr. Patrick Mertens

Bei der AMA-Probe zur neuen Schauspielproduktion spricht Musikwissenschaftler Dr. Patrick Mertens mit dem Produktionsteam über den Adaptionsprozess und die heutige Relevanz von „Mephisto“.

Bei der AmA-Probe zur neuen Schauspielproduktion spricht Musikwissenschaftler Dr. Patrick Mertens mit dem Produktionsteam über den Adaptionsprozess und die heutige Relevanz von „Mephisto“.

„Mephisto“ ist wohl das bekannteste Werk von Klaus Mann (1906–1949). Der Roman, 1936 im Exil in Amsterdam erschienen, erzählt vom beruflichen Aufstieg des Schauspielers Hendrik Höfgen, der nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten zum gefeierten Theaterstar wird – und dabei die Gräueltaten des Regimes, für das er arbeitet, stillschweigend in Kauf nimmt. Die Koblenzer Schauspieldirektorin und Regisseurin Caro Thum hat aus dem eindringlichen Roman eine Bühnenfassung entwickelt, die am 17. Januar ihre Premiere im Theaterzelt feiert.

Doch wie macht man aus einem 400-seitigen Roman eine Bühnenfassung?

„Eine Fassung machen ist wie eine Wohnung streichen: Es dauert mindestens doppelt so lange, als man im Vorfeld gedacht hat. Im Fall der ‚Mephisto‘-Fassung etwa sechs Wochen“, berichtet Thum über ihren Arbeitsprozess. „Zunächst habe ich die wörtliche Rede aus dem Roman herausgesucht und dann alles gestrichen, was nicht der Hauptgeschichte dient.“ Eine Besonderheit von Thums Textfassung sind zwei Erzählerfiguren – Barbara (gespielt von Jana Gwosdek) und Sebastian (gespielt von Jona Mues) –, die in bester epischer Manier die Handlung erläutern, vorantreiben und bisweilen auch kommentieren.

Durch diesen Kunstgriff ist es nicht nur möglich, die umfangreiche Geschichte temporeich auf der Bühne zu erzählen, sondern zudem Klaus Manns kunstvolle Sprache auch jenseits der Dialoge zum Einsatz zu bringen. „Der Roman lebt sehr von Manns melancholischer Sprache“, betont Thum. „Und die Geschichte verliert viel, wenn man sie aus Manns Sprache herausnimmt. Wir wollten den Charakter und die Sinnlichkeit des Buches erhalten.“

Weiterentwicklung im Probenprozess

Die Bühnenfassung zu erstellen, war allerdings nur der erste Schritt. In den Proben wurde der Text immer wieder verändert und weiterentwickelt. „Man kann sich am Tisch viel denken, muss dann aber schauen, ob es auf der Bühne wirklich funktioniert“, berichtet Thum, die nicht nur die Textfassung, sondern auch die Inszenierung von „Mephisto“ verantwortet. Und so geht es auch in der Endprobenwoche darum, den Text noch runder und dichter zu gestalten, damit er sein gesamtes Potenzial entfalten kann.

Schon beim ersten Schauen entwickelt die Bühnenfassung eine besondere Sogwirkung, die durch die äußerst dynamische Inszenierung noch verstärkt wird. Im Zentrum des gesamten Stücks steht der von Marcel Hoffmann verkörperte Hendrik Höfgen. Thum unterstreicht: „Der ganze Abend ist ein Reigen um Höfgen.“ Dessen Lebensweg wiederum wurde durch den Schauspieler Gustaf Gründgens (1899–1963) inspiriert, dessen Karriere wie die seines literarischen Gegenparts einen kometenhaften Aufstieg im nationalsozialistischen Deutschland erlebte.

Mehr als ein Zeitstück

Die Ähnlichkeiten zwischen Romanfigur und realer Person waren auch der Grund dafür, dass die Publikation des Romans wegen des postmortalen Persönlichkeitsschutzes gerichtlich untersagt wurde und „Mephisto“ in Westdeutschland erst 1980 erschien. „Klaus Mann selbst betont, dass es sich nicht um einen Schlüsselroman handelt“, erklärt Dramaturgin Juliane Wulfgramm. „Das ist keine historisch-museale Schau und kein Blick von außen auf die Geschichte.“

Tatsächlich geht es in Manns Roman um weit mehr als um die Karriere eines einzelnen Theaterschauspielers. Im Zentrum steht vielmehr die Frage, wie man mit einer Zeitenwende umgeht – eine Frage, die heute aktueller denn je scheint. „Der Roman spielt in der Zeit von 1926 bis 1936“, erläutert Wulfgramm weiter, „einer Zeit des Anbahnens und des Übergangs“. – „‚Mephisto‘ ist wie ein Kaleidoskop“, ergänzt Thum. „Es zeigt, wie unterschiedlich sich Menschen in einer Zeitenwende verhalten haben. Das sind eher Menschentypen als konkrete Personen.“ Als zentrale Fragen des Romans und auch der Bühnenadaption benennt sie: „Wie geht man mit einer Zeitenwende um? Wo hört der moralische Kompass auf? Entscheide ich mich einfach mitzulaufen, wenn ich durch das neue System keiner konkreten Bedrohung ausgesetzt bin?“

„Situationen, in denen sich die Darsteller:innen verhalten müssen“

Die im Roman dargestellte Zeitenwende ist zwar jene von der Weimarer Republik hin zur nationalsozialistischen Diktatur, doch die getroffenen Aussagen und die Handlungen der Figuren lassen sich problemlos auf andere Zeitenwenden übertragen. „Wenn man dem Roman folgt, bräuchte man unzählige unterschiedliche Räume und Spielorte. Es geht uns nicht um eine Bebilderung der Geschichte, sondern um eine Grundsituation in der wir den Text, die Figuren und Vorgänge verorten können“, erläutert der Bühnenbildner Wolf Gutjahr. Sein abstrakt-minimalistisches Bühnenbild unterstreicht bewusst die Allgemeingültigkeit der Vorlage. Statt opulenter Prunktheater, Künstlerwohnungen oder Grunewald-Villen sieht man einen von schwarz glänzender Folie eingefassten Raum, der von einem großen, drehbaren Lichtrahmen dominiert wird. In den Ecken der Bühne stehen zwei Schminktische, die einen dezenten Verweis auf das Theater-Setting geben. „Der Raum kann so immer wieder verändert und den unterschiedlichen Situationen angepasst werden, zu denen sich die Figuren verhalten müssen.” Der flexible Rahmen im Zentrum der Bühne wird im Verlauf des Stücks gedreht, nach hinten gepresst oder auch bedrohlich nach vorne geschoben – bisweilen dient er sogar als leuchtender Suchscheinwerfer. Durch die vielen Wechsel entsteht eine hohe Geschwindigkeit, die dem Abend einen geradezu filmischen Fluss verleiht.

Ein Fenster in die Vergangenheit und in die Gegenwart

Die beiden Lichtrahmen auf der Bühne und im Portal besitzen natürlich auch eine unverkennbar symbolische Komponente. „Wir schauen durch den Rahmen auf eine Gesellschaft kurz vor dem Absturz“, berichtet Gutjahr. „Es gibt Figuren, die gehen, und Figuren, die das System mittragen.“ Und manchmal schauen die Figuren sogar zurück auf die Zuschauer:innen. „Nicht nur in unserer Gesellschaft wird der Faschismus und Rechtsextremismus immer stärker sichtbar. Wir schauen in dieser aktuellen Situation auf die historischen Figuren und den Übergang zum faschistischen Gewaltsystem und die Figuren blicken aus dieser Situation auf uns“, führt Gutjahr aus.  

Letzteres unterstreicht abermals die erschreckende Aktualität von Manns Roman. Caro Thum: „Man fragt sich aus heutiger Perspektive, warum die es damals nicht gemerkt haben. Und das ist im Moment aktueller denn je, weil wir, fürchte ich, wieder nah vor einer Zeitenwende stehen.“ Diese Aktualität spiegelt sich nicht nur im szenischen Konzept wider. Auch die zeitlos-eleganten Kostüme von Charlotte Sonja Willi sowie die eindringliche, aus ätherischen Klangwolken erwachsene Musik von Lukas Kiedaisch stützen in der Bühnenumsetzung die allgemeingültige und zeitenthobene Aussage der Vorlage.

Die Fäden laufen zusammen: die AMA-Probe

All diese Elemente müssen im Probenprozess schließlich zu einem Ganzen werden. Wie gut die verschiedenen Komponenten der Produktion – Darsteller:innen, Bühne, Licht, Kostüme, Maske und Musik – ineinandergreifen und die gewünschte Aussage transportieren, kann das Regieteam dann bei der sogenannten AmA-Probe gegen Ende der Produktion überprüfen. AmA steht für „alles mit allem“ und bezeichnet eine Probe, bei der das Stück mit sämtlichen Elementen der späteren Vorstellung im Ablauf durchgespielt wird.

Bei „Mephisto“ fand diese Probe sechs Tage vor der Premiere statt und vermittelte bereits einen guten Eindruck von der hypnotisch-soghaften Wirkung des Abends. Insgesamt zeigt die Koblenzer „Mephisto“-Produktion, wie eindringlich ein literarisches Werk aus den 1930er-Jahren noch heute wirken kann. In der AmA-Probe wurde besonders deutlich, wie sich Text, Schauspiel, Bühne, Musik und Kostüme zu einem Ganzen fügen, das nicht nur eine historische Epoche beleuchtet, sondern wichtige Fragen an die Gegenwart stellt. Und vielleicht zeigt gerade dieser Abend, wie schnell aus historischen Warnungen wieder gegenwärtige Bedrohungen werden können.

Text: Dr. Patrick Mertens
Fotos: Matthias Baus