„Laufen“ nach einem Roman von Isabel Bogdan
Als das Buch 2019 erschien, habe ich es sofort gelesen und sehr gemocht. Es geht, ohne gleich zu viel zu verraten, um eine laufende Frau. Wobei das deutlich zu kurz greift – es geht vielmehr um die Gedanken der laufenden Frau und warum sie läuft oder gar wovor sie davonläuft. Es geht um eine Frau, die nach einem Selbstmord allein zurückbleibt. Mit der Trauer, mit der Schuldfrage, mit der Leere. Auf dem Weg nach Koblenz habe ich den Roman noch einmal gelesen. Eine atemlose Berichterstattung, die mich immer wieder zum Weinen bringt. Ja, auch im Zug.
Was erwartet mich?
Von Hamburg nach Koblenz ist man eine Weile unterwegs, daher hatte ich nach dem Lesen noch Zeit, mir Gedanken darüber zu machen, wie das Stück wohl aussehen würde. Ein Ein-Frau-Monolog? Das Nacherzählte nachgespielt? Es gibt bereits eine Verfilmung des Buchstoffs, aber Buch, Film und Theaterstück bieten ganz unterschiedliche Möglichkeiten, und so ist ein Roman auf Theater- oder Filmebene eher eine Art Serviervorschlag.
Ich erwarte: Schnaufen, mindestens einen laufenden Menschen und… dass es gut wird. Kurz schreibe ich noch mit der Autorin Isabel Bogdan, die meine letzte Einschätzung teilt. Zuversicht also: Es kann nicht schlecht werden, es ist das Theater Koblenz, also bitte. Das soll jetzt keine billige Werbung sein, immerhin bin ich hier auf dem theatereigenen Blog unterwegs, aber der Grund, warum ich so gern nach Koblenz komme, ist doch genau der: Die Stücke enttäuschen nicht.
Theater ist keine Lesung
Es ist immer schön, wenn man recht hat.
Der innere ist zu einem äußeren Monolog geworden, die Protagonistin spricht ihre Gedanken aus. Manchmal spricht sie mit dem Verstorbenen, manchmal auch mit dem Publikum, sodass in einigen Fällen sogar ein Dialog entstehen kann. Mit wem soll sie auch sprechen, wenn doch niemand mehr da ist außer einer Freundin. Sie ist eine Zurückgebliebene. Allein mit der Trauer. Und der Schuld. Und der Einsamkeit.
Als ich mich mit der Dramaturgin Juliane Wulfgramm darüber unterhalte, dass der innere Monolog wegfällt, obwohl er das wesentliche Element des Romans ist, sagt sie: „Dann hätten wir auch eine Lesung machen können.“ Das trifft es perfekt. Ein innerer Monolog ist kein Theaterstück. Die Gedanken, die wir uns machen, könnten wir durchaus aussprechen, wenn nur jemand die entsprechenden Fragen stellen würde. So weit weg ist das also nicht. Die richtigen Fragen stellt die übergroße Leinwand, wenn die Protagonistin am Ende eines Gedankenstrangs angekommen ist. Ist das schon Dialog oder nur die Quasi-Fleischwerdung der nächsten Frage, die man sich an dieser Stelle einer gewissen Logik folgend stellen würde? Auch das spielt eigentlich keine Rolle, denn für mich als Zuschauerin ist entscheidend, dass ich folgen kann. Zu viel meta macht müde, zu plump und verursacht offensichtlich Augenrollen.
Alle Augen auf eine Person
Ein Theaterstück muss mich mitnehmen, im Idealfall mitreißen. Und genau das schafft Markolf Naujoks mit seiner Inszenierung. Im intensiven, durchdringenden Blick der Darstellerin Isabel Mascarenhas steckt all die Verzweiflung, die die Protagonistin in ihrer jüngeren Vergangenheit erleben musste. Sie ist wütend, traurig, enttäuscht. Unnachgiebig mit sich selbst. Zu keinem Zeitpunkt fühle ich mich als Seelenmülleimer missbraucht, ich höre ihr gern zu, sie soll erzählen. Lass es raus, wir sind doch hier unter uns, und ich freue mich, wenn es dir doch irgendwann ein bisschen besser geht. Das ist erlaubt, du bist nicht schuld, du sollst doch glücklich sein, auch wenn das niemals wieder möglich zu sein scheint.
Subtil sind die Zeichen, dass es doch bergauf geht, dass die Trauer ein wenig nachlässt – aber darf das sein? Wie lange muss man trauern? Die Protagonistin nimmt es sich selbst übel, wenn es ihr besser geht, und doch … Es sind die Kleinigkeiten, die zum großen Ganzen beitragen. Etwas Neues wagen. Sich selbst herausfordern, aber im positiven Sinne. Es kann nicht alles gut werden, aber doch vieles. Die alte Liebe bleibt im Herzen, aber ein Herz ist groß und Liebe nicht auf eine bestimmte Personenanzahl beschränkt.
Das Stück geht etwas über eine Stunde, in dem kleinen Saal entsteht eine wunderbar intime Stimmung. Die Videos unterstützen und/oder kontrastieren das Gesagte, geben Impulse, beziehen die äußere Welt in die innere ein.
Regisseur Markolf Naujoks hat es geschafft, aus einem inneren Monolog ein Stück zu machen, das nachhallt. Zu keinem Zeitpunkt kommt Langeweile auf, ich möchte immer mehr erfahren, die Protagonistin soll weiterreden, ich will doch wissen, was genau passiert ist, wie es dazu kommen konnte, und was ist überhaupt mit dem Typen mit dem Eis?
„Laufen“ ist kein belehrendes Stück zum Thema Suizid und kein Erklärabend zum Thema „Wie trauert man richtig?“. Wenn der Theaterbesuch dennoch dazu führt, dass wir Depression als Krankheit besser wahrnehmen und Trauernde wohlwollender unterstützen, ist das ein willkommener Bonus. Wie geht es Ihnen heute?
Gesa Füßle lebt in Hamburg hinterm Deich und läuft dort nicht. Dafür unterrichtet sie viel im Stehen, zum Beispiel das Entziffern von deutscher Schrift. Spazieren geht sie auch gern, daher war das hervorragende Wetter in Koblenz bei ihrem letzten Besuch sehr willkommen.
Text: Gesa Füßle
Fotos: Arek Głębocki



