Wo Welten entstehen – Die Theatertage Rheinland-Pfalz

16. März 2026 · Dr. Patrick Mertens

In unserer zehnteiligen Blog-Serie berichtet Musikwissenschaftler Dr. Patrick Mertens über die Theatertage Rheinland-Pfalz 2026. Den Auftakt bilden die Eröffnungsfeier und die Premiere von „Orfeo ed Euridice“.

Lustvolle Überforderung: Der Theatermärz in Koblenz

„Wo Welten entstehen“ – kaum ein Motto passt besser zum Theater. Denn Bühnenkunst bedeutet immer auch einen Aufbruch in andere Wirklichkeiten: sei es durch neue Perspektiven, durch fremde Lebensentwürfe oder durch ungeahnte Geschichten. Bei den vierten Theatertagen Rheinland-Pfalz, die in diesem Jahr erstmals in Koblenz stattfinden, steht dieses Motto im Zentrum. Bei dem zweiwöchigen Kulturfestival präsentieren die vier rheinland-pfälzischen Mehrspartenhäuser Mainz, Kaiserslautern, Trier und Koblenz Produktionen aus ihrem Repertoire sowie aktuelle Arbeiten. Kaleidoskopartig solle dabei sichtbar werden, welche Themen und Stoffe derzeit im Land verhandelt werden, betonte Katharina Binz, Ministerin für Familie, Frauen, Kultur und Integration des Landes Rheinland-Pfalz, bei der feierlichen Eröffnung am Samstag im Theaterzelt.

Der vielseitige Abend gab bereits einen guten Vorgeschmack auf das außergewöhnliche Festivalprogramm. „Wir schauen, wie viel Theater eigentlich in einen Monat passt“, erklärte Intendant Markus Dietze in seiner Begrüßungsrede. Die zahlreichen Gastspiele, die in den kommenden 14 Tagen in Koblenz zu sehen sein werden, sind schließlich eine gewaltige logistische Herausforderung – zumal im März parallel das ganzOhr-Literaturfestival stattfindet, das ebenfalls vom Theater Koblenz veranstaltet wird. „Das ist lustvolle Überforderung“, scherzte Dietze und unterstrich in seiner Rede zugleich die gesellschaftliche Bedeutung von Theatern, die wie eine „Sternwarte für das Menschliche“ seien – und eben Orte, „wo Welten entstehen“.

Neue Wege in der Dramatik und der Musik

Neue Welten und Wege, die im Theater erkundet werden können, standen auch im Zentrum des Eröffnungsabends – ganz im Sinne des Festivalmottos, das sich wie ein Leitmotiv durch das Programm zog. Das zeigte sich schon in der musikalischen Begleitung durch das Meander Quartett: Gleich zu Beginn entführten die vier Musiker:innen das Publikum mit dem ersten Satz von Claude Debussys Streichquartett in die flirrend-schwebende Welt des Impressionismus. Mit diesem Werk lenkte der französische Komponist Ende des 19. Jahrhunderts die traditionsreiche Gattung des Streichquartetts in eine radikal neue Richtung – ähnlich wie übrigens auch Joseph Haydn, der ‚Vater‘ des Streichquartetts, der die Gattung in ihre klassische Form führte und ebenfalls mit einem Werk im Programm vertreten war.

Um neue Themen und Perspektiven ging es auch bei der Verleihung der Else-Lasker-Schüler-Stückepreise 2026, die im Rahmen der Festivaleröffnung stattfand. Der seit 1993 vom Pfalztheater Kaiserslautern im Auftrag des Landes Rheinland-Pfalz vergebene Preis zur Förderung der deutschsprachigen Dramatik zeichnet sowohl neue Stücke als auch ein besonderes dramatisches Gesamtwerk aus. In diesem Jahr gingen die Stückepreise an Fayer Koch für „Herz-Emoji, Bizeps“ (1. Platz), Lamin Leroy Gibba für „Doppeltreppe zum Wald“ (2. Platz) und Levi Roderich Kuhr für „FRITZ – Der Komödie erster Teil“ (3. Platz).

Daniel Böhm (Künstlerischer Direktor des Pfalztheaters Kaiserslautern), Katharina Binz (Ministerin für Familie, Frauen, Kultur und Integration Rheinland-Pfalz), Fayer Koch, Bettina Walther (Verlagsleitung S. Fischer Theater & Medien in Vertretung für Lamin Leroy Gibba), Levi Roderich Kuhr

Von Onlineforen und „NoFap“

Aus Kochs im kommenden Jahr in Kaiserslautern zur Uraufführung kommendem Stück „Herz-Emoji, Bizeps“ lasen die Ensemblemitglieder Jakob Mühe und Linus Scherz im Anschluss an die Preisübergabe einen Ausschnitt. Die Szene zeigte eindrücklich, welche neuen Welten und Themenfelder zeitgenössische Dramatik ausloten kann: Im Zentrum von Kochs Werk steht Max, der zwischen feministischen Positionen und traditionellen Männlichkeitsbildern hin- und hergerissen ist, wie Daniel Böhm, künstlerischer Direktor des Pfalztheaters Kaiserslautern, in seiner Laudatio erklärte.

Obwohl er viele positive Eigenschaften besitze, findet Max keine Frau für eine dauerhafte Beziehung und sucht zunehmend Bestätigung in Online-Männerforen. Halt findet er schließlich in der Enthaltsamkeit predigenden „NoFap“-Community. Die chatartig verkürzte Sprache entwickelte bereits in dieser kurzen Kostprobe eine bemerkenswerte Sogwirkung und machte Lust auf mehr – wie auch Ingo Schneider, Dezernent für Bildung und Kultur der Stadt Koblenz, in seinen anschließenden Grußworten betonte.

Dramatikpreis für Maria Milisavljević

Den Höhepunkt der Eröffnung bildete schließlich die Verleihung des Else-Lasker-Schüler-Dramatikpreises an die Autorin Maria Milisavljević, deren vielfältiges Œuvre in einer Laudatio von Kathrin Röggla besonders gewürdigt wurde. In ihrem Werk, das auch einen Western und mehrere Klassikerbearbeitungen umfasst, thematisiert Milisavljević in Stücken wie „Beben“ (2017), „Brynhild“ (2023; uraufgeführt bei den Nibelungenfestspielen Worms) oder „Staubfrau“ (2024) vielfach Gewalt, Unterdrückung und Solidarität aus weiblicher Perspektive.

Katharina Binz (Ministerin für Familie, Frauen, Kultur und Integration Rheinland-Pfalz), Autorin Maria Milisavljević

Ihre ebenso eindringliche wie präzise Sprache zeigte sich sowohl in ihrer Dankesrede, in der sie die Relevanz von zeitgenössischer Dramatik betonte, als auch in einem Ausschnitt aus ihrem Werk „Staubfrau“. Die Ensemblemitglieder Raphaela Crossey, Jana Gwosdek und Sarah Waldner rezitierten Ausschnitte des hochpoetischen Textes, der noch lange nach der Preisverleihung nachhallte.

Jana Gwosdek, Sarah Waldner und Raphaela Crossey

Antiker Sagenstoff trifft Reformoper: Glucks „Orfeo ed Euridice“

Den Abschluss des Abends bildete die Premiere der neuen Koblenzer Opernproduktion: „Orfeo ed Euridice“ von Christoph Willibald Gluck. Die 1762 in Wien uraufgeführte Oper gilt als erste italienische Reformoper, mit der Gluck die Künstlichkeit und das starre Modell der barocken Opera seria aufbrach – eine konsequente Fortführung des Leitmotivs des Eröffnungsabends, neue Wege im Theater zu gehen.Dies tat auch die Inszenierung von Inga Schulte, in der choreografische Elemente eine herausgehobene Rolle spielen: Drei Solist:innen, Chor, Ballett und Statisterie des Theaters Koblenz sowie das Staatsorchester Rheinische Philharmonie agierten dabei präzise aufeinander abgestimmt und sorgten für einen optisch, darstellerisch und musikalisch gleichermaßen beeindruckenden Premierenabend. Ein Auftakt also, der Lust auf die kommenden Tage macht – und auf viele weitere Welten, die während der Theatertage Rheinland-Pfalz in Koblenz erkundet werden.

Nina Gibler (Dramaturgin), Haruna Yamazaki (Sängerin), Hannah Beutler (Sängerin), Iestyn Morris (Sänger), Inga Schulte (Regisseurin), Danilo Tepša (Dramaturg), Mara Lena Schönborn (Kostümbildnerin), Christian Binz (Bühnenbildner), Irina Golovatskaia (Choreografische Assistenz), Markus Dietze (Intendant des Theaters Koblenz), Lorenz Höß (Musikalischer Leiter)

Text: Dr. Patrick Mertens
Fotos: Arek Głębocki