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Berauschende Klangwelten

31. Oktober 2026 · Dr. Patrick Mertens

Wenige Tage vor der Premiere besucht Musikwissenschaftler Dr. Patrick Mertens die Endproben des Musicals „Kristina“. Dabei erlebt er erstmals das Zusammenspiel von Bühne, Orchester und Szene, wie er im dritten Teil unserer Blogserie berichtet.

Ominöse Glocken, ekstatisches Klatschen, weihnachtliche Schlittenglöckchen und schneidende Schiffspfeifen – die Klangwelt des Musicals „Kristina“ ist ausgesprochen vielfältig. In den letzten anderthalb Wochen vor der deutschsprachigen Erstaufführung am Theater Koblenz steht das Zusammenspiel aller musikalischen, szenischen und technischen Elemente im Mittelpunkt der Proben. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der Einbindung des Orchesters.

Bei den Sitzproben hatten die Darsteller:innen bereits Gelegenheit, ihre Gesangsnummern mit dem Orchester auszuprobieren. In den Bühnenorchesterproben werden nun erstmals szenisches Spiel, Gesang und Orchesterbegleitung miteinander verbunden. Es folgt die Orchesterhauptprobe, bei der schließlich das gesamte Stück mit Orchester (einschließlich Kostümen, Licht und Maske) durchgespielt wird – also erstmals unter Bedingungen, die den späteren Vorstellungen entsprechen.

Foto: Arek Głębocki

Alles kommt zusammen

Wie viel Arbeit hinter einer Großproduktion wie „Kristina“ steckt, lässt sich bereits vor Beginn der Hauptprobe beobachten: Während das Orchester auf der Seitenbühne stimmt und die Technik letzte Anpassungen an der Bühne vornimmt, versammelt sich der Extrachor – viele Sänger:innen bereits in den aufwendig gestalteten historischen Kostümen von Christian Binz – im Foyer des Theaterzelts. Dort wartet Chordirektor Lorenz Höß, um vor dem Durchlauf einige Einsingübungen zu machen. Nur wenige Meter entfernt werden noch Presseinterviews geführt, während sich auf den Publikumsplätzen Mitarbeitende aus allen Gewerken des Theaters versammeln – die meisten mit Stiften oder Laptops, um sich Notizen zu machen.

Dann ist es so weit: Das Saallicht geht aus und das Orchester stimmt die Ouvertüre an. Ein einzelnes Horn ist von der Seitenbühne zu hören, ehe ein weiteres plötzlich aus einem ganz anderen Winkel des Theaterzelts antwortet. Dies ist nur einer von vielen ungewöhnlichen Klangeffekten, die Benny Andersson und Björn Ulvaeus sowie ihr Orchestrator Anders Eljas innerhalb von „Kristina“ einsetzen. Mit diesem eröffnenden „Ruf aus der Ferne“ klingt dabei bereits ein zentrales Thema des Musicals an: die Sehnsucht nach einem fernen Land und einer besseren Zukunft, die eine Gruppe schwedischer Emigrant:innen Mitte des 19. Jahrhunderts dazu bewegt, ihre Heimat Richtung Amerika zu verlassen.

Foto: Arek Głębocki

Instrumentale Effekte im Dienst der Handlung

Nach der Ouvertüre öffnet sich der Vorhang und gibt den Blick auf eine karge Steinlandschaft frei. Die bedrückende Beleuchtung und die gedeckten Farben der Kostüme machen deutlich: Das Leben in dieser Welt ist von Entbehrungen und harter Arbeit geprägt. Das muss auch Kleinbauer Karl Oskar Nilsson feststellen, dessen Familie im Zentrum des Musicals steht. Seine Versuche, die steinige Erde zu bestellen, werden vom Orchester mit hämmernden Amboss-Schlägen kommentiert – als würde Karl Oskar mit seinen metallenen Werkzeugen vergeblich gegen die Steine schlagen.

„Das Stück besitzt sehr eingängige Melodien, die eine große Wirkung entfalten“, schwärmt Lorenz Höß, der bei acht der insgesamt vierzehn Vorstellungen selbst am Dirigentenpult stehen wird. Besonders begeistert ist Höß von der Orchestration. „Es werden so viele tolle Farben eingesetzt und es sind so viele gute Effekte drin.“ Das wird im Verlauf der Hauptprobe mehr als deutlich: Wenn Karl Oskar etwa zu Beginn des Musicals seine Jugendliebe Kristina heiratet, spielt das Orchester im Stil einer schwedischen Tanzkapelle. Später – während der Reise der Migrant:innen auf einem amerikanischen Schaufelraddampfer – mischen sich Schiffspfeifen unter den sinfonischen Klang. „An einer Stelle müssen die Orchestermusiker:innen sogar klatschen“, berichtet Höß.

Foto: Matthias Baus

Zwischen Sinfonik und Rock

Die kunstvolle Orchestration von „Kristina“ stammt aus der Feder von Anders Eljas. Der schwedische Musiker und Arrangeur kennt Andersson und Ulvaeus bereits aus ihrer ABBA-Zeit und war auch für die Orchestration ihres Musicals „Chess“ verantwortlich. Vergangenes Wochenende war Eljas zu Gast in Koblenz, um das Team vor Ort mit Hintergründen und Tipps bei der Probenarbeit zu unterstützen. Gerade seine Anekdoten rund um die Entstehung von „Kristina“ – etwa über den Einfluss von Komponisten wie Ravel oder Tschaikowsky auf das Arrangement bestimmter Nummern – bieten wertvolle Impulse für Karsten Huschke, den musikalischen Leiter der Produktion, und sein Team.

„Der melodiöse Charakter vieler Nummern erinnert mich an Gustav Mahler, dessen Melodien immer etwas Suchendes haben“, erklärt Huschke, der die Orchesterhauptprobe dirigierte. „Anders Eljas hat das Ganze durch ein ungemein glanzvolles, wunderschönes Orchesterarrangement geadelt.“ Das Besondere dieses Arrangements liegt in der Verbindung spätromantisch-sinfonischer Klänge mit Pop- und Rockelementen. „Die Band steht bei vielen Nummern im Zentrum“, betont Höß. „Und drumherum ist ein großes Orchester mit einem sehr breiten Schlagwerk arrangiert.“ Gerade eine Nummer wie „Wildgras“, in der Karl Oskar und das Herrenensemble im zweiten Akt über ihre Mühen bei der Bestellung des amerikanischen Bodens singen, besitzt unverkennbar den Habitus eines Rocksongs und bildet einen reizvollen Kontrast zur restlichen Musik.

Foto: Arek Głębocki

Ein Blockbuster-Musical in jeder Hinsicht

„Mir gefällt, dass das Stück in der Tradition der großen Musicals der Achtziger geschrieben ist“, erklärt Höß. Epische Handlungen, hochemotionale Musik und spektakuläre Bühnenbilder – man denke nur an fallende Kronleuchter oder Rollschuh-Züge – kennzeichnen diese sogenannten Megamusicals. Spätestens wenn die Migrant:innen bei „Kristina“ in New York ankommen, merkt man, dass auch dieses Stück ein wahrer Blockbuster ist: Die Bühne füllt sich in Sekunden mit wohlhabenden Amerikaner:innen in ausladenden Kostümen, Suffragetten, Bagel-Verkäufer:innen und anderen Bewohner:innen New Yorks. Dieses hektische Treiben, das Andersson und Ulvaeus mit einer rastlos vorwärtspreschenden Musik untermalen, bestaunen die schwedischen Auswander:innen in der Mitte der Bühne – ebenso überwältigt wie das Publikum im Saal.

Die musikalischen Anforderungen des Stücks stehen der aufwendigen Inszenierung dabei in nichts nach. „Es gibt einige sehr große Partien, bei denen man irre viel zu lernen hat“, weiß Höß. Der Chor ist mit zwanzig Nummern ebenfalls stark eingebunden. „Der Chor summt, singt Vokalisen und muss rufen“, berichtet Höß. „Und Benny und Björn haben eine sehr instrumentale Art, für die Stimme zu schreiben.“ Während der Dampfschifffahrt etwa imitiert der Chor das Chaos auf der Reise durch eine schnellgesprochene Folge von Ortsnamen, die passiert werden.

Foto: Matthias Baus

Vierzig Musiker:innen – plus eins

Auch das Orchester hat in dem nahezu durchkomponierten Stück viel zu tun – und ist für ein Musical vergleichsweise groß besetzt. „Vom Orchestrator ist das Stück eigentlich so geschrieben, dass es mit recht geringen personellen Mitteln im Orchester auskommt“, verrät Huschke. „Man benötigt mindestens 25 Musici, wir aber spielen es mit genau 40.“ Die zusätzliche Orchesterstärke ergibt sich vor allem aus einem vergrößerten Streicherapparat. „Das Stück ist für neun Streicher gedacht, deren Livesound durch synthetische Streichersounds ergänzt wird. Wir spielen in großer, sinfonischer Streicherstärke und haben einen Mix aus Live- und Synthetik-Sounds.“

Damit dieser Klang auch wie gewünscht beim Publikum ankommt, muss er von Tonmeister Arne von Schilling gemischt und in den Saal gespielt werden. „Der Tonmeister ist im Grunde der 41. Musiker“, erklärt Huschke. Durchlaufproben mit Orchester sind für von Schilling eine wichtige Gelegenheit, an der Feinjustierung der Tonabmischung zu arbeiten und das perfekte Verhältnis zwischen Gesangsstimmen, Orchester und Soundeffekten zu finden. „Die klangästhetische Verantwortung liegt hier zu 99 Prozent bei ihm“, unterstreicht Huschke. „Der Tonmeister leistet das, was in Oper und Konzert der Dirigent tut. Und mit Arne von Schilling sind wir hier hochkarätig aufgestellt.“

Foto: Matthias Baus

Musik, die in Erinnerung bleibt

Wie gut das Zusammenspiel von allen Elementen der Produktion vier Tage vor der Premiere funktioniert, merkt man vor allem an einem Satz, der gleich mehrfach von den Zuschauer:innen nach der Hauptprobe geäußert wurde: „Ich habe gar nicht gemerkt, wie schnell die Zeit vergangen ist.“ In der Tat entwickelt das abwechslungsreiche Stück einen regelrechten Sog – auch weil so viele szenische und musikalische Elemente ineinandergreifen. Dabei hat jeder der Beteiligten seine ganz persönlichen Lieblingsmomente. „Bei mir sind es drei Nummern“, verrät Huschke. „Ich freue mich jedes Mal auf den Jesus-Marsch in Danjels Haus, auf das Heiratsantragsterzett im zweiten Akt und auf Kristinas großen Song ‚Du musst doch da sein‘.“

„Beim letzten Song von Kristina kommen mir immer die Tränen“, berichtet Höß über eine seiner Lieblingsstellen. „Hier werden Motive aufgegriffen, die man seit drei Stunden nicht gehört hat.“ Dramaturg und Sprechtextübersetzer Andreas Wahlberg hat das Finale des ersten Aktes besonders ins Herz geschlossen, in dem sich Kristina an ihre Heimat erinnert. „Hier kommt alles zusammen, was in diesem Stück zentral ist“, erklärt er. „Die Frage nach Heimat, die christlich-biblischen Aspekte, die das Musical durchziehen, außerdem das Thema Familie und die Leitidee, trotz aller Schwierigkeiten zusammenzuhalten und den Blick in die Zukunft zu richten – begleitet von einer unfassbar starken Musik für Kristina und den Chor.“ Zudem greift die Nummer auf ein zentrales Symbol des Musicals zurück: Kristinas Apfelbaum, der auch im Stücklogo zu finden ist.

Der Apfelbaum steht einerseits für Kristinas zurückgelassene Heimat Schweden und ihre Sehnsucht nach dem Land ihrer Vorfahren, andererseits für ihren Versuch, in einem neuen Land Wurzeln zu schlagen – immerhin pflanzt Karl Oskar für sie in Amerika einen Apfelbaum, in der Hoffnung, so eine Verbindung zu ihrer alten Heimat aufrechtzuerhalten. Wie eng Musik, Handlung und szenische Gestaltung in „Kristina“ miteinander verbunden sind, zeigt sich gerade an Momenten wie dem Finale des ersten Aktes. Bis zur Premiere am Samstag, den 31. Oktober, bleiben noch wenige Tage, um die letzten Details aufeinander abzustimmen. Schon bei der Hauptprobe lässt sich jedoch erahnen, welche Wirkung diese aufwendige Produktion auf das Publikum haben wird.

Foto: Arek Głębocki

Text: Dr. Patrick Mertens
Fotos: Matthias Baus und Arek Głębocki