Rasieren, Pasteten und Blut: „Sweeney Todd“ in stylischer Atompunk-Ästhetik

3. Juli 2026 · Dr. Patrick Mertens

Musikwissenschaftler Dr. Patrick Mertens besuchte die Proben zur diesjährigen Open-Air-Produktion in der Festung Ehrenbreitstein „Sweeney Todd“. Im aktuellen Blogbeitrag berichtet er von den musikalischen Besonderheiten des Musicals, dem Probenprozess und den Herausforderungen mit Kunstblut auf der Festungsbühne.

Die letzten Tourist:innen verlassen am Montagabend gegen 18 Uhr die Festung Ehrenbreitstein, doch leer ist es zwischen den alten Gemäuern mit Nichten. Im Retirierten Graben bereitet sich das Team von „Sweeney Todd“, der diesjährigen Sommer-Open-Air-Produktion des Theaters Koblenz, auf die vierte Bühnenorchesterprobe (BO) vor, die hier in den Abendstunden stattfindet. Nach fünf Wochen auf der Probebühne in der Innenstadt begann vergangenen Mittwoch die Endprobenphase der Musicalproduktion, bei der die zuvor erarbeitete Inszenierung auf das Bühnenbild in der Festung übertragen werden muss. Da bereits am Samstag Premiere ist, gibt es einen sehr straffen Zeitplan, der von allen Beteiligten viel Konzentration erfordert – gerade bei einem derart anspruchsvollen Stück wie „Sweeney Todd“.

Der Musical-Thriller von Stephen Sondheim und Hugh Wheeler erzählt die Geschichte vom Barbier Benjamin Barker (Nico Wouterse), der vom korrupten Richter Turpin (Adrian Becker) unter falschen Beschuldigungen in die Verbannung geschickt wurde. 15 Jahre später kehrt er als Sweeney Todd nach London zurück, um blutige Rache zu üben. Unterstützt wird er von seiner ehemaligen Vermieterin Mrs. Lovett, die ihm bei der Beseitigung der Leichen hilft. Das 1979 am Broadway uraufgeführte Stück zählt aktuell zu den meistgespielten Musicals im deutschsprachigen Raum. Das liegt neben der spannenden Geschichte vor allem an Sondheims außergewöhnlicher Partitur.

Emotion in Musik übersetzt

„Sondheim hat nicht versucht, die Handlung schön zu schreiben, aber er hat die Handlung genommen und in Musik übersetzt“, beschreibt der musikalische Leiter der Produktion Sejoon Park das Reizvolle an Sondheims Partitur. „Für Leute, die die Musik zum ersten Mal hören, klingt sie vielleicht etwas merkwürdig, aber wenn alles zusammenkommt, merkt man, wie genial es geschrieben ist. Vor allem, da sich Sondheim um jedes einzelne Wort gekümmert hat.“ In diesem Punkt pflichtet ihm Raphaela Crossey, Darstellerin der Mrs. Lovett, bei. „Eine besondere Herausforderung ist die unglaubliche Schnelligkeit, die Sondheim in bestimmten Nummern verlangt“, erklärt sie. „Aber es ist so schön, wie Sondheim die Emotionen in die Musik schreibt.“

„Sehr hoher Unterhaltungswert wird mit hohem kompositorischem Anspruch kombiniert“, fasst Chordirektor Lorenz Höß das Musical zusammen. „Und das Stück ist toll instrumentiert.“ Auf der Festungsbühne ist das Orchester hinter dem Bühnenbild platziert. Christian Binz, der für die Ausstattung der Produktion (Bühne und Kostüme) verantwortlich ist, hat das viktorianische Schauermelodram in eine postapokalyptische 1950er-/60er-Ästhetik verlegt.

Ein mordender Barbier in Atompunk-Ästhetik

„‚Brazil‘ trifft auf ‚Hunger Games‘“, fasst Binz das Ausstattungskonzept pointiert zusammen. „Wir haben Bilder, die man kennt, neu zusammengesetzt. Wir wollen eine alternative, überhöhte Realität schaffen.“ Und das offenbart sich bereits beim ersten Blick auf die Bühne: Ein verdreckter Pie-Shop dominiert sie. Neben diesem breiten sich die traurigen Überreste einer öffentlichen Toilette aus, viele der weißen Kacheln halb zerbrochen. Als retrofuturistische Atompunk-Ästhetik lässt sich dieses Design wohl am besten beschreiben. „Wir übersetzen die Düsterheit der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse von Sweeney Todds viktorianischem London in eine dystopisch retrofuturistische Welt mit eigenen Gesetzbarkeiten, Hierarchien und Ritualen“, berichtet Marie-Theres Schmidt, die zusammen mit Markus Dietze das Musical inszeniert, über den konzeptuellen Ansatz.

„Unser Ziel war es, eine Nostalgie zu kreieren, die allerdings nicht so opulent ist wie eine viktorianische Ausstattung und trotzdem einen ‚Gothic Vibe‘ besitzt“, ergänzt Binz. Zudem ermöglicht die Verortung in den 1950er-/60er-Jahren – in denen es in London passenderweise ein Victorian Revival in der Mode gab – „ein farbenfroheres Kostümbild und eine Farbcodierung der Figuren“. Hierdurch lässt sich der Blick des Publikums besser im Bühnenbild leiten, wie Binz betont. Denn die Bühne besteht aus weit mehr als dem zentralen Pie-Shop. Umschlossen wird die Spielfläche durch einen großen, u-förmigen Gerüstaufbau.

Ein „Work in Progress“ auf der Zielgeraden

Diverse Treppen verbinden drei Ebenen miteinander, sodass es für das große Ensemble, das aus Solist:innen, Chor, Puppenspieler:innen und Statisterie besteht, zahllose Auftritte und Wege gibt. Diese Vielfalt brachte bei den Proben jedoch zahlreiche Herausforderungen mit sich. „Wir konnten uns das Gerüst auf der Probebühne nur schwer vorstellen und nicht ausprobieren“, berichtet Binz. In der Tat: Geprobt wurde zunächst nur ebenerdig. Die verschiedenen Geschosse mussten in der kurzen Zeit auf der Festungsbühne von Regieteam und Darstellenden in die Inszenierung eingearbeitet werden.

Doch der straffe Zeitplan und die besonderen Gegebenheiten auf der Festung sind nicht nur eine Herausforderung, sondern bringen auch Vorteile mit sich. „Alle ziehen an einem Strang“, unterstreicht Binz. „Und das Spannende ist, dass Produktionen hier oben immer ein ‚Work in Progress‘ sind.“ Bis zur Premiere am Samstag wird sich also vermutlich noch einiges ändern. Insbesondere bei den Spezialeffekten, für die man sich nach der BO am Montag nochmal eigens Zeit genommen hatte – und die schon im Probenzustand enorm spektakulär wirken. Auf das Ergebnis bei der Premiere am Samstag darf man gespannt sein.

Blut, Blut, Blut

Auf die Frage, was denn der technisch herausforderndste Effekt bei „Sweeney Todd“ ist, hat Christian Binz eine eindeutige Antwort: Das Blut, das der mordende Barbier im Verlauf des Musicals reichlich fließen lässt. „Das Blut darf keinen Naturalismus haben“, erklärt Binz. „Denn schließlich ist das Stück eine Moritat und die Figuren nicht realistisch. Entsprechend muss das Blut eine solche Überhöhung haben, dass es als Bild funktioniert.“ Damit das gelingt, braucht es natürlich einiges an Übung, denn manchmal „stellt, was in der Theorie eine schöne Idee ist, in der Praxis eine große Herausforderung dar“, so Binz.

Vergangenen Samstag wurde zum ersten Mal mit Blut geprobt. „Der Effekt funktioniert, aber beim Zielen müssen wir noch üben“, scherzt Binz. Zuvor musste allerdings noch die Konsistenz des Kunstblutes geklärt werden oder auch die Intensität, mit der es gespritzt bzw. abgeschossen wird. Was also später in der Show wie ein mühelos-präziser Effekt aussehen soll, hatte eine lange Vorlaufzeit und musste in zahlreichen Proben ausgetestet werden – immerhin erwartet das Publikum bei einem Horror-Musical wie „Sweeney Todd“ reichlich Blut. Das stellte Co-Regisseur Markus Dietze bereits bei der Konzeptionsprobe fest: „Die drei zentralen Elemente in ‚Sweeney Todd‘ sind Rasieren, Pasteten und Blut“. Und alle drei Elemente wird es in der Koblenzer Produktion reichlich geben.

Co-Regie bei der Festungsproduktion

Dietze ist jedoch nicht allein für die Inszenierung von Sondheims Musicalklassiker verantwortlich. Er teilt sich die Regie mit Marie-Theres Schmidt. Die beiden haben sich die Szenen des Stücks aufgeteilt, sodass sich jeder auf einzelne größere Abschnitte konzentrieren konnte. „Eine Co-Regie erfordert natürlich einiges mehr an Absprachen, aber genauso Vertrauen ineinander, ins Ensemble und die Gewerke, uns beide als Regiepersonen anzunehmen“, berichtet Schmidt über ihre Erfahrungen bei der Musicalproduktion. „Mich beruhigt es, die Verantwortung für das Endprodukt und den Prozess teilen zu können, und ich finde es bereichernd, Input von Szenen, die Markus inszeniert hat, für ‚meine‘ Szenen zu bekommen.“

Sie führt aus: „Ich profitiere ungemein von Markus’ Erfahrung und schätze ihn sehr als Regiepartner, Korrektiv und Mentor. Gerade jetzt in den Endproben ist es spannend zu sehen, wie das Werk immer mehr zusammenwächst und wir zu so etwas wie einer gemeinsamen Handschrift gekommen sind.“ In der Tat kann man als unvoreingenommener Zuschauer bereits bei der BO am Montag nicht mehr erkennen, welche Szene von wem inszeniert wurde – „Sweeney Todd“ ist also tatsächlich zu einem Gesamtwerk zusammengewachsen. Davon kann sich das Publikum dann ab der Premiere am Samstag bei den Vorstellungen in der Festung Ehrenbreitstein selbst überzeugen. Für Rasuren, Pasteten und jede Menge Blut wird auf der Bühne definitiv gesorgt.

Text: Dr. Patrick Mertens 
Fotos: Matthias Baus