Am 12. Februar feiert das Puppentheaterstück „Die große Wörterfabrik“ auf der Probebühne 4 im Theater Koblenz Premiere. In der Inszenierung von Friederike Förster erzählt uns Fiona gemeinsam mit ihrer Oma Marie von der Kraft und Macht der Sprache, von der Magie unmittelbarer Begegnung und von dem, über das meistens sehr laut geschwiegen wird. Angeregt von den Fragen einer 4. Klasse aus der Regenbogen Grundschule Lützel, die als Testpublikum eine Hauptprobe besuchte, hat Julia Göllner aus der Abteilung Theaterpädagogik ein fiktives Gespräch mit Fiona geführt.

Das ist Fiona

Julia: Hallo Fiona! Eigentlich wollte ich ein Zeitzeugeninterview mit Marie führen. Jetzt bist Du hier.

Fiona: Ja klar, ich bin schließlich die Social Media Managerin von Oma Marie! Oma hat viel erlebt, weißt du, damals im Land der Wörterfabrik. Aber wie das hier im Netz so läuft, damit kennt sie sich nicht aus. Das ist wie eine fremde Welt und Sprache für sie. 

Julia: Marie hat ja im Laufe ihres Lebens Sprechen ganz neu lernen müssen…

Fiona: Müssen?! Dürfen! Nicht müssen. Sprechen zu können, das war nämlich, als Oma noch jung war, ein riesengroßes Priwileck, oder wie das heißt. Im Land der großen Wörterfabrik war das nur denen möglich, die sich das leisten konnten. Also denen, welche die Kohle hatten, um Wörter zu kaufen, zu schlucken und auszusprechen. Einfach so quasseln, das war nicht drin. Ähm, wie viel Geld bekomme ich eigentlich für das Interview? 

Julia: Fiona, über Geld spricht man nicht in der Öffentlichkeit. Lass uns das später klären.

Fiona: Aber …

Julia: Wieso waren die Wörter nicht allen zugänglich? Wörter sind doch keine Ware, sondern ein Bildungsgut.  

Fiona: Im Land der großen Wörterfabrik eben doch. Was ist das denn überhaupt für eine Frage?! Für solche Ungerechtigkeiten gibt es keinen guten Grund. Wir, also ich und die Kinder, die heute da waren, wir dürfen ja auch meistens nicht mitreden, sondern müssen an den Kindertisch. 

Julia: Apropos, Marie und Du, ihr ladet uns Zuschauer*innen und -hörer*innen in einen sehr privaten und intimen Raum ein – in die Wohnung deiner Oma. Und diese stellt ihr ganz schön auf den Kopf, um uns eine Vorstellung davon zu geben, wie es ist, im Land der Wörterfabrik zu leben. In jedem Möbelstück, in jeder Schublade, tut sich ein ganzer Raum und eine Welt auf. 

Fiona: Ja, das ist voll krass. Bei mir daheim, da ist der Esstisch der Esstisch. Und der Wohnzimmertisch ist der Wohnzimmertisch. Da muss alles so bleiben, wie es eingerichtet ist. Gespielt werden darf da drauf höchstens mal ein Brettspiel, „Mensch, ärgere dich nicht“ oder so. Aber bei Oma ist das anders. Omas vier Wände können ein ganzes Land sein – solange wir es verabreden, sonst wird es auch ihr zu bunt. 

Julia: Bei euch ist die Welt also nicht nur das Vorhandene, vielmehr etwas, das sich im Hinsehen verwandelt. 

Fiona: Du redest komisch. Jedenfalls kann bei Oma ein Kühlschrank eine riesige Produktionshalle sein. 

Julia: Das Herzstück des Landes der Wörterfabrik?

Fiona: „Herzstück“ – das klingt ja fast rohmanisch.

Julia: „Romantisch“ meinst Du!

Fiona: Ja, sag ich doch. Aber das war überhaupt nicht so. Das Herstellen der Wörter in der Produktionshalle hat echt viel Energie verbraucht. Und viele mussten dafür krass viel in den Minen schuften, die aber von dem, für das sie da geschuftet haben, gar nix hatten, weil sie kaum Geld bekommen haben. Und entschieden, was für Wörter produziert werden, das haben auch nicht die gemacht. Den Takt angegeben, sortiert, geordnet und den Wert festgelegt, das haben andere. 

Zum Glück gab es auch welche wie Paul. Aus seinem Mund klingen selbst wertlose und weggeworfene Wörter wie „Hundekacka“ schön.

Julia: Sein großes Herz färbt auf alles ab und das gesprochene Wort wird zum reinen Klang, bekommt einen neuen Sinn?

Fiona: Du redest echt komisch. Zum Glück gab es jedenfalls Paul. Und Marie. Oma Marie hört manchmal sogar, was ich nicht aussprechen kann. 

Julia: Oma Marie würde ich nun wirklich gerne mal persönlich kennenlernen. Sie scheint ja ein richtiger Schatz zu sein.

Fiona: Ja, das kannst du auch, wenn du uns besuchen kommst. 

Julia: Also sind wir Erwachsenen auch willkommen? Die Kinder, die heute da waren, möchten nämlich unbedingt mit ihren Eltern wiederkommen. Und mit ihren Geschwistern. Und mit ihren Cousins und Cousinen. Das volle Verwandtschaftsprogramm. 

Fiona: Logisch! Aber mal unter uns: Oma, die hat auch ihre Spleens. Zum Beispiel sagt sie gerne alles zweimal, jetzt, wo sie es kann. Mal so und mal so. 

Julia: Ihr habt euch dazu entschieden, Maries Geschichte …

Fiona: Unsere Geschichte!

Julia: … eure Geschichte mit Hilfe von Puppen zu erzählen. 

Fiona: Richtig, denn manches muss einfach gezeigt werden. Da helfen Wörter nichts, auch wenn man noch so viele hat. Manches muss in die Hand genommen werden. Um es sich anzuschauen. Mal so, mal so. Mal von da, mal von da. 

Julia: Da braucht es als Spielerin sicherlich viel Vorstellungskraft, um die Puppen als echte Wesen wahrzunehmen.

Fiona: Es braucht jemanden wie Oma, der die wirklich sieht, hört und spürt. Wenn das gelingt, dann werden sie lebendig! 

Julia: Ja, wenn Puppen lebendig werden, das ist wirklich magisch. Wenn Spielerin und Puppe miteinander, weder für- noch gegeneinander, sprechen und handeln. Für die Kinder war selbst der Hund, dem Paul begegnet, ein lebendiges Wesen. Dabei ist der aus zerschreddertem Papier gemacht und schaut eigentlich so aus, als wäre er einem Aktenvernichtungsgerät entsprungen. Das ist wie mit Musik, die aus schnödem Metall und Holz erklingt, wenn diese richtig berührt werden.

Fiona: Wie mit Omas Glockenspiel. Aber ich bin froh, dass ich keine bin, also keine Puppe. Weil, wenn’s schiefgeht, dann bekommen die ständig Wörter in den Mund gelegt, die ihnen vielleicht ja gar nicht schmecken. 

Julia: Und unbemerkt verschluckt und ausgesprochen, können manche Wörter bestimmt auch ziemlich weh tun. Viele Wörter werden durch ihre stete Anwesenheit vertraut und dabei wird ganz vergessen, wie unhaltbar sie mitunter sind. Es ist schon bezeichnend, dass die ersten seriell angefertigen Schreibmaschinen von einem Waffenhersteller gebaut wurden, findest du nicht?

Fiona: Krass! Oma hat auch so ein altmodisches Ding in ihrem Schrank. 

Julia: Die Kinder haben mich ganz berührt gefragt, ob das, was ihr erzählt, „echt“ ist. Kannst Du mir diese Frage beantworten? Ist eure Geschichte echt oder hat die sich irgendjemand am Bürotisch ausgedacht und in den Computer getippt?

Fiona: Unsere Geschichte ist genauso echt wie jede andere Geschichte auch, die in der Welt ist. Nicht mehr und nicht weniger.

Julia: Für die Kinder und mich war eure Einladung in Oma Maries Wohnung eine Einladung, über die vermeintlich gut eingerichteten Verhältnisse nachzudenken, in denen wir leben – und deren Teil wir selber sind. 

Eure Geschichte hat uns auch dazu angeregt, zu fragen, was denn die eigene Geschichte ist – was die Geschichte unserer Vorfahren ist, welche Geschichten wir uns selber erzählen und welche Geschichten über uns erzählt werden. 

Die jungen Menschen sind es meistens, die sehen, wie verrückt oft das ist, was als selbstverständlich daher kommt – und die gewöhnlich gar nicht so viel Raum bekommen wie bei euch. Und die wie ich, um ehrlich zu sein, Folgendes gewohnt sind: Einmal angeklickt, einmal heruntergeladen und vergessen. 

Danke für die unvergessliche Zeit mit euch und danke für das Gespräch. 

Fiona: Da nicht für. Aber was bekomme ich denn jetzt dafür? Und kannst Du hier noch rausstreichen, dass ich Oma „Oma“ genannt habe? Das mag sie nämlich nicht. 

Julia? Juliaaaaaa! Hey, Tante!

Text: Julia Göllner
Fotos: Arek Głębocki