„Mit Puppen hat man viel mehr Möglichkeiten.“ Ivana Sajević, Regisseurin
Wer in der Gegend von Koblenz lebt und noch nicht verstanden hat, dass Puppentheater keineswegs nur etwas für Kindertheater und Weihnachtsmärchen ist, hat hier eine hervorragende Gelegenheit, sich eines Besseren belehren zu lassen.
Für die Regisseurin Ivana Sajević war schnell klar, dass der sehr herausfordernde episodische Buchstoff sich hervorragend als Puppentheater adaptieren ließe. Und recht hatte sie damit! Eine durchscheinende schwarze Leinwand teilt die Bühne in einen Vorder- und Hintergrund. Auf beweglichen Tischen lassen sich Häuser aus dem Hinter- in den Vordergrund verschieben. Handgroße Figuren stellen wie in einem Stop-Motion-Film die Handlung dar. Die Hauptfigur (und ihren entzückenden Hund) gibt es auch als sogenannte Vierfüßlerpuppe, die deutlich größer und voll beweglich ist. Wie bei einer Großaufnahme kann der Fokus so auf sie gelegt werden. Die Blicke der Zuschauenden werden durch Scheinwerfer und Taschenlampen in die richtige Richtung gelenkt.

Im Englischen heißt das Buch „They“ – wir sind also im Plural unterwegs. Schon mal von dem Buch gehört? Nein? Das ist nicht verwunderlich, es war nämlich verschollen.
Kay Dick war in den 1950er- bis 70er-Jahren eine erfolgreiche Journalistin und Autorin. 1977 veröffentlichte sie „They“, gewann einen Literaturpreis und … ja, das war alles. Das Buch floppte, wurde nicht nachgedruckt und verschwand aus den Regalen. 2020 fand eine Literaturagentin das Buch in einem Sozialkaufhaus. 2022 wurde es neu aufgelegt und kurz danach erstmalig ins Deutsche übersetzt.
Wenn man dann noch bedenkt, dass es im Text um das Verschwinden von Büchern und anderen Kulturgütern in einer vagen Zukunft geht, klingt die Geschichte schon fast nach einem auf sehr, sehr lange Sicht angelegten Werbegag. Leider ist Kay Dick 2001 verstorben und kann die Früchte nicht mehr ernten.

Es geht also um das Verschwinden von Büchern. Aber wie verschwinden sie? SIE holen sie, zerstören sie, gehen gegen Kulturschaffende vor. SIE sind kein schreiender Mob, SIE tauchen auf, beobachten, dringen in Abwesenheit der Anwohnenden in Häuser ein, entfernen Bücher und Kunstgegenstände oder reißen „nur“ die Widmungen aus den Büchern. SIE mögen keine wild blühenden Vorgärten, Haustiere oder Freude im Allgemeinen. Folgsam passen die Menschen sich an, beäugen alles Kreative, Individuelle, Ungewöhnliche. Wer sich wehrt, kommt in ein „Zufluchtsheim“, bis die Erinnerungen gelöscht sind und die Person wunschgemäß reagiert (nämlich möglichst gar nicht). Emotionen und Schmerz sind nicht vorgesehen. Allein sollte man nicht leben, aber auch nicht in einer Gruppe von Individualist:innen. Eine traditionelle Familie, das ist das Ziel – und wenn man sie künstlich zusammenstellen muss, macht das nichts. Es geht schließlich nicht um Glück, sondern um den korrekten Lebensentwurf. Die Menschen sollen von der eigenen Identität geheilt werden.

Gleichschaltung hat einen extremen Hautgout, im Gleichschritt Marsch, nicht selber denken, Anweisungen befolgen, Andersdenkende bestrafen und entfernen … wo habe ich das nur schon mal gehört? Ich durfte zwei Proben erleben und dabei beobachten, wie sehr sowohl die Spielenden als auch die Regisseurin von dem Stoff angefasst werden. Nein, dies ist kein Stück, das einen kalt lässt. Keine Wohlfühlvorstellung mit Kasperle und Co. Umso mehr ein Grund, sich das Stück anzusehen: Kultur darf nicht sterben, Kunst darf nicht abhängig sein vom Wohlwollen der Machthabenden, die nach Wirtschaftlichkeit rufen. Wir sehen täglich um uns herum, wie Politiker:innen Sätze äußern, die wir noch vor wenigen Jahren nicht für möglich gehalten hätten. Doch wenn Veränderung im Negativen möglich ist, muss sie doch auch im Positiven geschehen können, oder etwa nicht? Wie lange kann man gegenhalten, wie lange dauert es, bis alle um einen herum eingeknickt sind? Wie lange, bis ich aufgebe? Welche Opfer muss man bringen? Ist die Rettung von Kulturgütern mehr wert als ein Menschenleben? „Selbstverständlich nicht!“, höre ich Sie schnauben. Kulturgüter können Jahrhunderte überdauern, das Leben eines Menschen nicht. Diese Argumentation könnte Ihnen im Stück begegnen. Oder Kinder, die Texte auswendiglernen, damit sie nicht in Vergessenheit geraten. (Übrigens eine durchaus übliche Methode in einer Zeit, als die meisten noch nicht schreiben konnten und der Grund, warum viele alte Epen in Reimform sind – man kann sie sich so einfach leichter merken.) Auch die Hauptfigur hat keine Antwort auf die Dinge, die um sie herum geschehen. Es gibt keine Erklärungen, nur Mutmaßungen. Es bleibt das mulmige Gefühl der Ungewissheit, wie es weitergeht.

Vier Puppenspielerinnen und ein Puppenspieler erwecken den Stoff zum Leben – das kann man tatsächlich wörtlich nehmen, denn auch gesichtslose Figuren, die nur aus Kleidung bestehen, tauchen wabernd in fast traumhaften Sequenzen auf und fallen wieder in sich zusammen. Die Leistung der Spielenden kann ich gar nicht genug loben. Ein reibungsloser Ablauf erfordert eine extreme Koordination der gefühlt 100000 Handgriffe. Wer schiebt welches Podest wann, wer stellt die Figur auf, wer spricht? Ivana Sajević hat 50 kleine Figuren in unterschiedlichen Posen erstellen lassen, die 9 verschiedene Personen darstellen, zwischendurch kommen zusätzlich Masken und Landschaftsfilmchen zum Einsatz.
Durch die Intimität von Probebühne 4 sind Sie dem Geschehen ganz nah. Glauben Sie mir: Sie werden die Landschaft förmlich riechen. Freuen Sie sich auf ein leidenschaftlich inszeniertes Stück!

Text: Gesa Füßle
Fotos: Matthias Baus